Die Frauen von Högens Gård

1. Kapitel
Im letzten Winter des Jahres 1899 herrschte die Majorin von Jakobsberg über Högens Gård und meinte die Zügel fest in den Händen zu halten. Sie war nicht die erste Frau in dieser Position und sollte doch für lange Zeit die Letzte sein. Dabei waren ihre Pläne durchaus andere und die Erfahrungen wiesen eindeutig darauf hin, dass Frauen auf Högens Gård die besseren Herrscher waren. Erst über einhundert Jahre später würde wieder eine Frau ihren Platz übernehmen.
Im Sommer 2015 biegt Jonatan von der geteerten Hauptstraße, die weiter nach Norwegen führt, in den Schotterweg ein, der sich hinter dem Gutshof durch den Wald schlängelt und am Ufer des Norra Konsjö vorbei im Norden in einem Naturschutzgebiet endet. Die Sonnenstrahlen streifen die Spitzen der Tannen, ein verwittertes Schild gibt die Entfernung nach Jakobsrud mit zehn Kilometern an. Das Haus, das Jonatan von seinem Vater geerbt hat, liegt auf halbem Weg.
Er spürt die Müdigkeit in seinen Knochen. Zwölf Stunden war er mit dem Auto unterwegs. Er wendet den Kopf vorsichtig nach rechts und links. Die Sehnen knacken. Dunkelblonde Haare stehen wirr von seinem Kopf ab. Die Hornbrille, seit einiger Zeit bei Medienmenschen wieder in Mode, sitzt leicht verzogen auf der Nase. Die schmalen Wangen sind von einem Hipsterbart zugewuchert.
Er hat sich kurzfristig entschlossen, nach Schweden zu fahren, denn er braucht Zeit, um nachzudenken.
Der Kies knirscht unter den Rädern seines VW Golf. Er weicht einem Schlaglocher aus, das sich mitten auf dem Weg auftut. Dabei übersieht beinahe die entgegenkommende Husqvarna Roulette. Artur knattert auf seinem Mofa an Jonatan vorbei und grüßt flüchtig mit der linken Hand. Seine Husqvarna ist auch nach über 50 Jahren Betrieb perfekt in Schuss, im Gegensatz zu seinen Klamotten.
Auf einem Hügel rechts des Wegs steht der Gutshof. Högens Gård. Ein typisches weißes Herrenhaus inmitten einer Ansammlung von roten Ställen, Schuppen und Gesindehäusern. Jonatan erinnert sich an den Elchkopf mit dem ausladenden Geweih, der früher über dem Eingang angebracht war. Hat Margarete den Kopf nach der Renovierung wohl wieder aufgehängt? Oder ist ihr die Symbolik zu kraftstrotzend?
Die gesamte Umgebung gehört zu dem Gut. Vor zwei Jahren hat Jonatan bei Daniel eine Karte des Töftedals gesehen, auf der die Grenzen des Guts eingezeichnet waren. Wälder, Weiden, Seen, Hügel – in vergangenen Zeiten müssen die Gutsherren reich gewesen sein. Vermutlich haben sie die gesamte Bevölkerung in der näheren Umgebung mit Arbeit versorgt.
Fast zwanzig Jahre lang war der Hof unbewohnt. Die Leute ziehen weg aus dem Tal. Hier gibt es keine Jobs, die Erde ist zu steinig, um profitabel Landwirtschaft betreiben zu können und die Infrastruktur ist eine Katastrophe.
Jonatan und Daniel sind als Kinder immer wieder durch die leer stehenden Gebäude geschlichen. Sie sind die Treppen rauf gelaufen, haben im Keller nach versteckten Schätzen gesucht und sich vorgestellt, irgendwann hier einzuziehen. Das muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein.
Jeden Sommer waren sie hier. Meist auch im Herbst und natürlich an Weihnachten. Die Tage hat Jonatan meist im Wald verbracht. Nicht weit von dem Haus seiner Großeltern schieben sich schroffe Felsen aus dem sumpfigen Waldboden. Hier ist er herumgelaufen. Manchmal allein, viel häufiger mit Daniel. Sie haben die Walderdbeeren nie in Körben gesammelt, sondern sich mitten in die Pflanzen gesetzt und so viel gegessen, wie sie finden konnten. Daniel – sein bester Freund seit fast 30 Jahren. Gelangweilt haben sie sich nie.
Damals hat sich kein Aas für Högens Gård interessiert. Artur hat ihm manchmal etwas von dem Hof erzählt. Schauergeschichten von dem Geist der Majorin, die noch immer in den Räumen herrschen sollte. Und er hat steif und fest behauptet, hinter dem Haupthaus seien Kindergräber. Nichts von all dem hat Jonatan bei seinen Streifzügen mit Daniel entdeckt.
An der Zufahrt zum Gutshof wartet Margarete auf die Post. Sie hat Högens Gård die Seele zurückgegeben, indem sie den Gutshof wieder aufbauen lässt. Seit zwei Jahren lebt sie nun schon allein in den weitläufigen Zimmern des Herrenhofes. Sie ist aus Halden in die Einöde gezogen, als sie 88 Jahre alt wurde. Ihre Freunde waren entsetzt. Die wenigen Verwandten, die sie noch hat, ebenfalls. Daniel hat sich gefreut, denn es gibt kaum einen angenehmeren Gesprächspartner als Margarete.
Margarete passt mit ihrem hellen Blazer und der gebügelten Hose überhaupt nicht in diese Bauernlandschaft, wo geflickte Klamotten zum guten Ton gehören. Trotz ihres Alters geht Sie aufrecht, hat die Haare frisch frisiert, die Brille auf der Nasenspitze. Der Weg zum Briefkasten am Straßenrand kostet sie ohne Gehhilfe große Mühe. Dennoch liest sie jeden Tag zwei Zeitungen, die sie sich niemals – auch nicht im Winter – zur Tür bringen lässt. Sie legt Wert darauf, wenigstens diesen Weg allein zu gehen. Jonatan hält neben ihr an.
»Wie schön, dass du uns besuchst«, sagt Margarete durch die heruntergekurbelte Fensterscheibe.
»Wie kommst du mit der Renovierung voran?«, will Jonatan wissen und steigt aus dem Wagen. Sein Schwedisch hat einen leichten deutschen Akzent, den er sich nie ganz abtrainieren konnte.
»Seit zwei Monaten sind die Handwerker weg.«
Jonatan blickt an ihr vorbei auf die Gebäude des Guts.
»Du hast auch die Ställe aufbauen lassen.«
»Der Hof soll so sein wie damals, als ich wegging.«
Jonatan blickt auf die frisch gestrichenen Gebäude, deren klassisches Rot in der Sonne strahlt, wendet sich wieder Margarete zu.
»Ich werde das Haus verkaufen.«
Die Alte nickt. »Daniel hat mir das erzählt. Ist die Entscheidung richtig?«
»Ich kann nur einmal im Jahr herkommen. Für zwei Wochen. Ansonsten steht das Haus leer. Die Kosten sind hoch.«
»Das ist wirklich schade.« Margarete betrachtet ihn. »Wie lange wirst du bleiben?«
»Eine, vielleicht zwei Wochen. Dann muss ich wieder zurück. Ich werde morgen mit dem Makler sprechen. Und ich will die persönlichen Sachen aussortieren.« Jonatan spürt einen Kloß im Hals, als er daran denkt, was er vorhat. »Das Haus ist voller Erinnerungen. Mir fällt es wirklich schwer, das zu tun.«
»Ich sage Daniel, dass du da bist. Er kann dir helfen.«
»Er kann mir helfen, den Müll zum Schrottplatz zu bringen.«
»Komm mich besuchen, wenn du Ablenkung brauchst. Ich freue mich über Gesellschaft.«
Der Postbote stoppt hinter Jonatans Golf. Praktischerweise ist der Fahrersitz auf der rechten Seite montiert, sodass er nicht bei jedem Briefkasten am Straßenrand aussteigen muss, sondern vom Fenster erreicht.
Jonatan nickt Margarete zu, steigt in sein Auto und fährt weiter an dem in der Abendsonne glitzernden See entlang.
Von einer Anhöhe aus hat er einen weiten Blick über die Landschaft. Um ihn herum stehen die dichten Nadelwälder Töftedals. Unter ihm liegt der Norra Kornsjö, ein See, der sich über viele Kilometer nach Norden erstreckt, im Süden zum Mellan Kornsjö übergeht, dessen Wasser durch den Södra Kornsjö und den Bullaresjö in Richtung Iddefjord fließt und schließlich ins Skagerrak mündet.
Er kennt jede Kurve, weiß genau, wo er aufpassen muss, um nicht vom Weg abzukommen, und wann er Gas geben kann. Hinter ihm steigt eine Staubwolke auf. Die Wiesen sind frisch gemäht und durch das offene Fenster strömt der Duft des Heus zu ihm herein. Immer wieder sieht er auf der linken Seite den See durch die Bäume schimmern und mit einem Mal erfasst ihn die Sehnsucht nach der Ruhe, die er hier bei jedem Aufenthalt spürt.
Auf beiden Seiten des Weges rückt der Wald näher an den Weg heran, bis er nur noch durch einen schmalen Entwässerungsgraben von der Fahrspur entfernt ist. Der schwere Geruch der Tannen dringt tief in Jonatans Atemwege. Er riecht die Pfifferlinge, die sich dicht an den Waldboden ducken. Plötzlich ist es düster und die Fröhlichkeit der Wiesen und Lichtungen fällt von Jonatan ab. Die Melancholie befällt ihn meist völlig unerwartet. Auch dieses Gefühl gehört für ihn zu dieser Gegend.
Die Gestalt tritt so überraschend zwischen den Bäumen hervor, dass Jonatan eine Vollbremsung machen muss. Erschrocken starrt er aus dem Fenster. Eine alte Frau blickt ihm entgegen. Ihre Kleidung ist abgerissen und wirkt eigenartig altertümlich. Wie aus einer anderen Zeit. Jonatan hat die Frau noch nie gesehen und doch scheint sie sich hier auszukennen, denn sie verschwindet, nachdem sie ihn kurz gegrüßt hat, auf der anderen Straßenseite wieder zwischen den Bäumen. Jonatan ruft ihr hinterher, aber nach wenigen Augenblicken kann er sie nicht mehr sehen. Er reibt sich die Augen. Hat er sich getäuscht? Die Autofahrt war lang. Es wird Zeit, dass er ankommt.
Der Weg zum Haus besteht nur aus zwei schmalen Schotterstreifen. Dazwischen steht das Gras hoch, schabt unter dem Auto entlang und erinnert Jonatan daran, Benzin für den Rasenmäher zu besorgen, wenn er morgen in die Stadt fährt.
Der Wald weicht zurück, die Wiese, die leicht bis zum See abfällt, öffnet sich vor seinen Augen. Da ist es: Sjöliden. Das Haus, in dem seine Großeltern gelebt haben und das er jetzt von seinem Vater geerbt hat.
Das Gras der Wiese ist hochgeschossen, Wald begrenzt das Grundstück auf drei Seiten. Zwei große Birken, zwischen die genau eine Hängematte passt, stehen auf der Wiese. Am Ende des Abhangs kräuselt sich das Wasser auf dem Kornsjö. Der See ist an dieser Stelle schmal, etwa einhundertfünfzig Meter sind es bis zur gegenüberliegenden Seite und den Feldern des norwegischen Bauern. Ein etwa zwanzig Metern breiter Schilfgürtel wuchert auf beiden Seiten des Gewässers.
Das Haus an der rechten Seite des Grundstücks hat unzählige Anbauten und Ausbauten erlebt. Es wurde immer den jeweiligen Ansprüchen angepasst und der rote Anstrich mit den weißen Fensterrahmen erinnert an die Erzählungen Astrid Lindgrens. Doch das ist nur der erste Eindruck. Die Farbe am Dachfirst blättert ab, Moosbüschel halten sich auf den Dachpfannen fest und die Veranda ist von der Algenschicht in grünes Licht getaucht. Dieses Haus bedeutet nie endende Arbeit. Immer gibt es etwas zu renovieren oder auszubessern. Trotzdem ist dies der Ort, an dem sich Jonatan zu Hause fühlt.
Er fährt das Auto möglichst nah ans Haus heran, damit er seine Taschen und die Lebensmittel, die er auf dem Weg gekauft hat, nicht so weit tragen muss. Er steigt aus, atmet die frische Luft ein, schließt die Augen. Hier ist alles so anders als in Deutschland.
In Köln bestimmen Stress und Hektik sein Leben. Immer unterwegs, ständig unter Strom, keine Minute Ruhe. Schon länger ist er damit nicht mehr zufrieden. Der Job in der Agentur ist grandios. Die Chefetage hat viel in ihn investiert und sie erwarten eine Menge von ihm. Aber immer wieder zweifelt er daran, ob er durch seine Arbeit erfüllt ist.
Nach dem Studium war er durch einen Nebenjob auf die Agentur gestoßen, stieg schnell auf, und jetzt ist die Leitung des Kreativbereichs vakant. Der Karrieresprung steht vor der Tür. Aber er findet keine Ruhe mehr. Jeden Abend und an fast allen Wochenenden repräsentiert er das Unternehmen bei Veranstaltungen. Sein Handy klingelt ununterbrochen. Er trägt finanzielle und personelle Verantwortung. Immer häufiger wird ihm das zu viel. Vor zwei Wochen war er wieder einmal an dem Punkt, an dem er den Eindruck hatte, zusammenzuklappen. Er kam aus der Agentur in die gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin und hätte heulen können. Franziska ist ihm in diesen Momenten keine Hilfe. Seit drei Jahren sind sie zusammen, haben gemeinsam Familienfeste besucht und machen Pläne für die Zukunft. Aber dann kam sie genau zum falschen Zeitpunkt mit ihren Forderungen. Aufmerksamkeit. Mehr zusammen machen. Sie setzt ihn nicht unter Druck, zumindest nicht bewusst. Und doch schwebt ständig der Vorwurf im Raum, dass er zu wenig für sie da ist.
Jonatan hat das Gefühl, etwas zu verpassen und das Leben an sich vorbei rauschen zu sehen, ohne selbst daran teilzunehmen. Er erwischt wieder einmal bei dem Gedanken über eine Trennung. Aber dafür gibt es überhaupt keine objektiven Gründe.
Er hat das Bedürfnis, aus seinem jetzigen Leben auszusteigen und neu anzufangen. Ein Drang, der in den letzten Monaten an Kraft und Energie gewonnen hat. Der Gedanke an einen anderen Job, eine andere Stadt, neue Menschen. In sein jetziges Leben ist er einfach reingerutscht. Er brauchte eigentlich immer nur ja zu sagen. Und die Frage, was er wirklich will, was seine Wünsche und Ziele sind, hat ihm nie jemand gestellt. Nicht einmal er selbst.
Nach dem Tod seines Vaters hat sich viel verändert. Auf eigenartige Weise war das Verhältnis zu den Großeltern, die bis vor zwölf Jahren hier im Wald gelebt haben, distanziert. Jonatan hat sie geliebt. Mit seinem Opa ist er als Kind, so oft es ging, zum Angeln auf den See rausgefahren. Seiner Oma hat er beim Backen geholfen, ihren Geschichten gelauscht und sich an ihren weichen Busen gekuschelt. Aber er ist ihnen nie nahegekommen. Eine unsichtbare Mauer stand zwischen ihnen, so hoch und solide, dass Jonatan heute kaum etwas von ihnen erzählen kann.
Er ahnt, dass es in seiner Familie Geheimnisse gibt. Blinde Flecken, von denen alle wussten, über die aber niemand sprach. Jetzt sind sie alle tot. Seine Großeltern sind kurz nacheinander vor zehn Jahren in einem Altenheim in der Nähe gestorben. Irgendein Krebs hat seine Oma von innen aufgefressen, und als sie nicht mehr da war, hat auch sein Opa keinen Grund mehr gesehen, auf der Erde zu bleiben, und ist ihr gefolgt. Sein Vater hatte es am Herzen. Schon als junger Mann. Weil er aber nicht auf den Wein und die scharfen französischen Zigaretten verzichten wollte, hat das Herz irgendwann resigniert. Zehn Monate ist das jetzt her. Und zum ersten Mal betritt Jonatan seitdem wieder das Haus, in dem sein Vater aufgewachsen ist.
Die Tagebücher seines Vaters lagern in einer Kiste. Jonatan konnte sie nicht wegwerfen. Irgendwann, wenn der größte Schmerz vorüber ist, will er sie lesen. Noch ist der richtige Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen. Aber Andeutungen, die Erik in den letzten Wochen seines Lebens gemacht hat, haben Jonatans Neugier beflügelt. Irgendwann will er sich damit beschäftigen und Fragen stellen. Fragen, auf die ihm heute niemand mehr antworten kann. Irgendwann.
Eine halbe Stunde später hat er die Wasserpumpe und den Strom angestellt, der Mäusekot in der Diele weggefegt und die Tasche ausgepackt. Mit einer Flasche Chardonnay und einem Glas bahnt sich Jonatan einen Weg durch das hohe Gras zum See hinab.
Die Sonne steht tief über dem Wald auf der gegenüberliegenden Seeseite. Der Steg ragt weit ins Wasser hinein. Die Bretter sind von der Witterung ausgeblichen und lechzen nach Leinöl. Die Stahlrohre, auf denen die Bretter liegen, schwanken leicht unter Jonatans Schritten. Der See liegt regungslos vor Jonatan. Wasserläufer ziehen winzige Bahnen durch das Wasser, hin und wieder schnappt ein Fisch nach ihnen und verursacht dabei ein leises Platschen. Schwalben rasen, schrille Schreie ausstoßend über die Wasserfläche. Aus dem Wald sind Abendgeräusche zu hören: leises Knacken im Unterholz, Blätterrascheln, das Klopfen eines Spechts. Jonatan setzt sich ans Ende des Stegs, zieht die Schuhe aus, lässt die Füße ins weiche Wasser hängen. Angenehme Kühle.
Der Chardonnay glitzert im Glas gegen die untergehende Sonne an. Müde legt sich Jonatan mit dem Rücken auf die sonnengewärmten Bretter des Stegs und blickt in den Himmel. Lange Cirruswolken erstrecken sich über den nördlichen Bereich. Ansonsten stört nichts die Sicht in das unendliche Blau. Stundenlang hat er auch als Jugendlicher noch auf dem Steg oder im Ruderboot gelesen. Stapelweise hat er Bücher aus den Bibliotheken mitgeschleppt, hat sich den ewigen Aufgaben seiner Großeltern entzogen. Sie haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Fast immer in Diensten des Gutshofes. Als es ihn noch gab. Sie konnten nicht verstehen, dass sich Jonatan hinter den Büchern verschanzte. Sie besaßen selbst nur wenige Bücher. Die alte Familienbibel, der Katechismus, der Jonatan immer wieder mit der spröden Welt des Protestantismus konfrontierte, und der ihm immer fremd geblieben ist.
Er ist lieber allein über den See gerudert, hat Elche, Biber und Fischottern aus der Nähe beobachtet. In dem alten Ruderboot, das nun seit ein paar Jahren unbenutzt im Schuppen liegt und darauf wartet, wieder ins Wasser gelassen zu werden, damit die Planken aufquellen. Jonatan vermisst die  langen Diskussionen mit seinem Vater über seine berufliche Zukunft, über Politik und Gesellschaft. Hier, an diesem Ort, mitten im schwedischen Wald, hat er zum ersten Mal Sex gehabt. Jonatan schließt die Augen und lässt die Erinnerungen an sich vorbeiziehen.
Ein sachtes Schwanken des Holzstegs. Jonatan erwacht von den Schritten. Er blinzelt, öffnet die Augen. Die Dämmerung tauche den See in ein geheimnisvolles Licht. Jeder Mensch hat einen individuellen Gang. Diese Schritte würde er überall erkennen. Daniel erscheint in seinem Blickfeld.
»Margarete hat mir gesagt, dass du da bist.«
Jonatan macht seinem Jugendfreund neben sich Platz. Die Wärme durchdringt ihn sofort. Sie haben nie viele Worte gebraucht, um sich die Zuneigung zu zeigen. Kein Sommer ist vergangen, ohne dass die beiden sich gesehen haben. Jetzt sind sie beide Anfang dreißig und pflegen eine Freundschaft, die von berauschenden Gesprächen und wilden Zukunftsplänen erfüllt ist.
Daniels blonde Haare sind zerstubbelt und mit Farbflecken gesprenkelt. Sie sind lang geworden und hängen ihm ins Gesicht. T-Shirt und Jeans sind voller Acrylfarbe. Ebenso die schmalen Arme, sonnengebräunt. Nur das Gesicht ist sauber. Strahlend blaue Augen blicken Jonatan unter den beinahe unnatürlich blonden Augenbrauen an. Eine schmale Nase, der helle Dreitagebart, feine Lippen, die vor allem durch die deutliche U-Form des Amorbogens auffallen.
»Du willst das Haus aufgeben?«, fragt Daniel.
Jonatan reicht seinem Freund das Weinglas. Der trinkt seinen Schluck und blickt über das Wasser hinweg.
»Ich kann es nicht auf Dauer finanzieren.«
Sie schweigen.
»Immer wenn du eine wichtige Entscheidung getroffen hast, lag dahinter etwas Größeres.« Daniel taucht die Füße ins Wasser.
»Diesmal ist es anders.«
Wieder folgen Minuten des Schweigens.
»Ich habe den Stall ausgebaut. Im Frühling kommen die Schafe.«
Daniel träumt schon lange davon, Schafe zu züchten. Das von seinen Eltern geerbte Land ist ausgelaugt. Der Wald wirft wenig Gewinn ab. Die Arbeit damit ist größer als er Ertrag. Er lässt ihn wachsen und er wird mit jedem Jahr wilder. Daniel hat sich für die Einsamkeit dieses Landstrichs entschieden und ist nach dem Studium in Stockholm in das Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt. Regelmäßig schickt er Bilder an eine Galerie in Kopenhagen, damit verdient er genug. Die Schafe sollen etwas mehr Leben in die Einöde bringen.
»Ich werde dich im Sommer besuchen und dir bei der Schur zu helfen.«
»Der alte Andersson ist im Winter gestorben. Seine Kinder leben schon lange nicht mehr hier. Irgendwann werde ich allein in diesem Landstrich sein. Umgeben von Elchen, Wald und im Sommer von ein paar Deutschen.«
»Warum gehst du nicht weg, wenn es dir hier zu einsam ist?«
»Letzten Winter habe ich ein Rudel Wölfe beobachtet. Sie haben ein Elchkalb auf der Wiese am Fluss in Jakobsrud von seiner Mutter getrennt. Die Kuh hat um sich getreten und ihr Kalb verteidigt. Aber das Rudel war zu groß. Drei Tage lang sind die Wölfe jeden Nachmittag zurückgekommen und haben sich die Mägen vollgeschlagen.«
»Wie nah sind die Bären jetzt?«
»Sie sind im Naturschutzgebiet im Norden. Zehn Kilometer von hier. Die Jäger haben im Herbst Spuren gefunden.«
Jonatan und Daniel trinken abwechselnd aus dem Weinglas, während die Sonne untergeht.

2. Kapitel
Die Holzkiste ist schwer. Jonatan zieht sie durch den Staub in der Ecke des Dachbodens unter die Glühbirne, die einsam an einem Balken hängt. Er hat beschlossen, auf dem Dachboden mit dem Entrümpeln zu beginnen und sich systematisch bis ins Erdgeschoss vorzuarbeiten.
Das Haus ist alt. Über hundertfünfzig Jahre. Zu Beginn war es vermutlich nur eine Hütte, an die im Laufe der Zeit permanent angebaut wurden. Seine Großeltern haben vor etwa fünfzig Jahren die obere Etage und ein besseres Dach darauf gesetzt. Die Bodenplatten bestehen teils aus Stein, teils aus Beton. Alles andere ist aus Holz. So ist es üblich in dieser Region.
Vor dem Haus: Eine große Veranda. Sein Vater hat sie vor Jahren gebaut. Ein kleiner Eingangsbereich mit der Garderobe für die Friesennerze. Zwei Türen. Links ist die Heizung untergebracht, rechts der Eingang zum Haus. Die Heizung ist längst überaltert, aber noch tut sie ihren Dienst. Hinter der Eingangstür öffnet sich die düstere Diele mit grünlich-grauem PVC. Jonatan wollte den Fußboden schon vor Langem rausreißen und durch Dielen ersetzen. Sein Vater hat sich immer dagegen gewehrt. Eine weitere Garderobe für die Jacken, ein großer Spiegel. Am Fuß der gewundenen Holztreppe – grünlich-türkis lackiert – die Schuhregale mit seinen Clogs aus Kindertagen. Ein Paar vergessene Schlittschuhe in der Ecke. Gummistiefel in unterschiedlichen Größen und Aggregatzuständen. Vergilbte Plakate an den Wänden. Heraus zum 1. Mai. 35-Stunden-Woche jetzt. Ein Kalenderblatt mit einem Bild von Carl Larsson. Schwedische Sommeridylle unter Birken. Eine wilde Mischung aus altlinker deutscher Tradition und schwedischem Klischee im dämmerigen Licht.
Von der Diele gehen drei Türen ab: Links, unter dem gleichen Dach wie die Heizung befindet sich das Bad. Klein, eng und ebenfalls mit praktischem PVC ausgelegt. Die Badewanne ist schon vor Jahren einer Sauna gewichen, die die Hälfte des Raums einnimmt. Die Dusche funktioniert, allerdings führt der Abfluss über ein kompliziertes Röhrensystem zu einem Gulli unter der Sauna, der regelmäßig verstopft. Im Sommer ist der See zum Waschen da.
Die beiden anderen Türen der Diele führen rechter Hand zur Küche und – unter der Treppe – ins Wohnzimmer. Zwischen Küche und Wohnzimmer liegt, durch zwei Türen verbunden, das Esszimmer, das im Grunde nur im Winter und bei Regen benutzt wird. In diesen drei Räumen liegen Holzdielen. Halbhohe Holzpaneele, im landschaftstypischen Türkis gestrichen, säumen die Räume. An den Wänden hängen Drucke deutscher und schwedischer Künstler, einige großformatige Ölbilder zweifelhafter Qualität und eine Pendeluhr, die mit ihren Stundenschlägen die Hausbewohner nachts aus dem Schlaf reißt.
Den Wintergarten hat Jonatans Vater erst vor einigen Jahren angebaut. Ausgerichtet nach Westen hat man den Eindruck, direkt aus dem Wohnzimmer in den See springen zu können, obwohl der ein gutes Stück den Abhang hinunter liegt. Helles Hölzer. Die Möbel in Wohn- und Esszimmer kommen von unzähligen Auktionen. Nach dem Tod der Großeltern hatte Jonatans Vater die Möbel aus den sechziger Jahren im Ofen verheizt und das Haus nach und nach neu eingerichtet.
Über die um neunzig Grad nach rechts gewundene Holztreppe, unter der sich Mäuse jeden Herbst und Winter treffen, kommt man in die obere Etage. Darüber befindet sich nur noch der Dachboden, auf dem sich Jonatan gerade durch die Vergangenheit des Hauses arbeitet.
Zwei Schlafzimmer beherrschen die erste Etage. Über der Treppe duckt sich ein winziger Arbeitsplatz mit Blick nach Norwegen unter ein Fenster, daneben steht eine lange Küchenbank. Und dann ist da noch der Stromkasten mit seinen veralteten Schmelzsicherungen, der hinter einer Karte Töftedals aus den 40er-Jahren versteckt ist.
Den Dachboden erreicht man über eine ausklappbare Leiter. Der Raum ist dunkel und muffig. An den Decken haben sich Wespen fußballgroße Nester gebaut, zwischen den Balken leben Fledermäuse, deren Kot durch die Ritzen zwischen den Holzbalken bis an die weiß gestrichene Decke der ersten Etage dringt und den Geruch des ganzen Hauses dominiert. Staub, alte Mausefallen, eine sogar mit dem Gerippe eines vor Jahren erschlagenen Nagers, Kisten, aufgeweichte Koffer, marode Möbel. Jonatans Großeltern konnten nichts wegwerfen und auch sein Vater tat sich damit schwer.
Die Außenwände des Hauses waren ursprünglich weiß, fast grau. Zum See war sie mit Platten unbekannten Materials verkleidet, die er mit seinem Vater vor Jahren heruntergerissen und im Wald unter Ästen und Gras versteckt hat. Ob dort zwischen den Fichten und Birken heute Asbest verrottet oder ob die Platten ungefährlich für die Natur sind – Jonatan weiß es nicht. Er hat nicht vor, das vor dem Verkauf des Hauses herauszubekommen.
Der Deckel der Kiste ist verstaubt, ein Schloss verweigert den Zugriff. Jonatan hat die Kiste nie zuvor gesehen, sie war hinter Holzlatten und einem alten Heizlüfter versteckt. Er holt aus dem Schuppen die Schale mit den Schlüsseln, die in kein Schloss des Hauses passen. Einen nach dem anderen probiert er aus, doch keiner lässt das verrostete Vorhängeschloss aufspringen.
Mit einem Seitenschneider sprengt er das Schloss und verschafft er sich Zugriff auf den Inhalt der Kiste. Knirschend hebt sich der Deckel, Dreck rutscht auf die Dielen. Papiere und Mappen, Fotos und mit Bindfäden zusammengehaltene Briefstapel kommen zum Vorschein.
Vorsichtig greift Jonatan nach der obersten Mappe. Das Papier ist stumpf und staubig. Mit ausgetrockneten Fingern löst er den Faden und schlägt die Pappe zur Seite. Versicherungspolicen für das Haus. Datiert auf die fünfziger Jahre. Er blättert durch die Unterlagen, legt die Mappe zur Seite, greift nach einem A4-Briefumschlag. Fotos.
Sein Vater als Kind. Seine Großeltern. Bilder, die in der Umgebung entstanden sind. Manche vor dem Haus, andere oben auf Högens Gård. Die Gesichter seiner Großeltern wirken angespannt und müde, sein Vater daneben fröhlich und aufgeweckt. Er kennt nur ein Bild seines Vaters aus jener Zeit. Es hängt in der Diele von Jonatans Wohnung. Zum ersten Mal wundert er sich darüber, nie andere Fotos gesehen zu haben.
Gerade will er sich tiefer in die Kiste vorarbeiten, als er seinen Namen hört. Daniel steht an der Dachbodenleiter. Sie wollen zusammen in den nächsten Ort fahren. Jonatan will den Makler beauftragen und Daniel braucht Lebensmittel. Er hat kein Auto, sondern fährt meist mit dem Moped zum norwegischen Landhandel oder lässt sich von den Nachbarn in die Stadt mitnehmen.
Jonatan schließt den Deckel der Holzkiste, wischt sich die Hände an der Jeans ab. Von unten lächelt Daniel herauf. Mitten auf der Leiter stockt Jonatan und betrachtet seinen Freund. Er bemerkt zum ersten Mal die Schönheit und Eleganz, die Daniel ausstrahlt. Sie kennen sich so gut, so lange, so intensiv – diese Kategorien gab es in seinem Denken bislang nicht.
Zwischen dem Dorf, eigentlich eher einem Flecken mit ein paar weit verteilten Häusern und Höfen, und der Stadt Ed liegen viele Kilometer Straßen, Seen, Wälder. Der Weg ist eine Reise in eine andere Zeit. Kleine Höfe tauchen da und dort zwischen den Bäumen auf. Hügelketten zeichnen die Gletscherverschiebungen der letzten Eiszeit nach. Und immer wieder Wald. Durchsetzt mit Mooren und Sümpfen, die häufig in Seen mit braunem Wasser übergehen.
In Ed sind Supermärkte und kleinere Kaufhäuser, die bei den schwedischen Männern so beliebten Baumärkte und ein paar traurige Modegeschäfte. Der norwegische Tante-Emma-Laden in dem Dorf Kornsjö, benannt nach dem See, an dem es liegt, führt zwar die meisten Grundnahrungsmittel, doch bei Obst und Gemüse, bei frischem Fleisch oder einer Flasche Wein scheitern die Besitzer. Für diese Dinge muss man sich eine halbe Stunde ins Auto setzen, und bis Dals Ed fahren.
Jonatan und Daniel passieren die ersten Häuser des Ortes. Daniel ist still. Er spricht nie viel. Das passt zu seinem Entschluss, in einem Landstrich zu leben, der fast so unbewohnt ist wie Nordschweden, wo mehr Rentiere über die Steppen streichen als Menschen leben. Jonatan setzt Daniel vor dem ICA ab und fährt weiter zu dem einzigen Makler der Gegend, der sein Monopol redlich ausnutzt.
Der Makler kennt das Haus, ist schon dort gewesen. Jonatan fragt, wann er dort war. Der Makler windet sich, äußert sich nicht dazu. Dunkelheit macht sich in Jonatan breit. Was weiß dieser Mann? Er spürt das Geheimnis, versteht jedoch nicht, was sich dahinter verbirgt. Aber so braucht der Makler nicht mit ihm hinauszufahren. Er taxiert das Grundstück auf 150.000 Kronen. Das ist wenig, aber Jonatan ist sich im Klaren darüber, dass er keine Wahl hat, wenn der Verkauf bald über die Bühne gehen soll. Dem Haus selbst bemisst der Makler keinen besonderen Wert zu. Die Schweden ziehen weg, keiner will in diesem Landstrich leben. Nur die Deutschen kaufen noch. Doch die sind skeptisch, betrachten jede Krone mit Angst. Bevor das Haus verfällt, weil niemand die Kosten bezahlen kann, will Jonatan es lieber für wenig Geld abgeben. Er möchte, dass es belebt wird. Es ist seine Kindheit. Seine Jugend. Seine Vergangenheit. Die Gegenwart sieht er nicht.
Jonatan schmerzt der Magen bei der Vorstellung, dass das Haus, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat, in einem Jahr vielleicht nicht mehr steht. Was kann er schon tun? Je länger er wartet, je länger er die Entscheidung hinauszögert, desto schlechter wird der Zustand des Gebäudes. Die Heizung ist marode und das Dach muss gedeckt werden.
Jonatans Telefon klingelt, als er das Büro des Maklers verlässt. Ein Blick auf das Display. Franziska. Er will sie jetzt nicht sprechen. Aber er wollte sich gestern melden. Er hat es vergessen. Das Telefon in der Hand. Vibrierend. Er drückt auf das grüne Symbol.
»Wo bist du?«, fragt Franziskas Stimme in seine Gehörgänge. »Du wolltest anrufen, wenn du ankommst.« Vorwurf in der Stimme.
»Du wolltest, dass ich mich melde«, korrigiert Jonatan. »Und ja: Ich bin gut angekommen.«
»Hast du mit dem Makler gesprochen?«
»Der Preis, den er ansetzt, ist eine Farce.«
Ein Moment Stille in der Leitung.
»Dir war doch klar, dass du für den Schrotthaufen nichts kriegst. Es war ein Hirngespinst deines Vaters, immer wieder Geld in das Haus zu stecken.«
»Ich weiß, dass du ihn und das Haus gehasst hast.«
»Ich habe weder ihn noch das Haus gehasst.«
»Du hast dich hinter deinen Büchern versteckt, anstatt mit nach Schweden zu kommen. All die Jahre.«
»Was soll das werden?«
»Wann warst du das letzte Mal hier?«
»Ich lege jetzt auf. Meld dich, wenn du bessere Laune hast.«
Die Leitung ist tot. Jonatans Hals fühlt sich an wie kurz vor Ausbruch einer Mandelentzündung. Schluckbeschwerden. Leichter Kopfschmerz über den Augen. Er betrachtet das Handy. 16 verpasste Anrufe und acht Kurznachrichten. Das E-Mail-Fach quillt über. 182 E-Mails. Jonatans Hand zittert leicht. Er schaltet das Gerät aus. Das Display verabschiedet sich. Ruhe.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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