Kretische Reise

IMG_3273-300x200eins
Probleme, wohin man schaut. Job, Familie, Geld. Freunde, Omas, Nichten. Wir sind die Weltmeister des Sich-Sorgen-Machens. Schluss damit. Wir machen uns zu viele Sorgen. Wir fahren trotzdem weg. Obwohl wir uns Sorgen um den Job machen, eine kranke Mutter haben und eigentlich kein Geld zum Verreisen haben. Wir packen die Koffer mit dem Nötigsten und fliegen in die Sonne – allerdings muss man bedenken, dass das Nötigste für meine Geliebte schon eine Menge Holz ist. Genauer gesagt: Ein sehr großer Koffer. Ohne Rollen. Den sie niemals selbst trägt. Aber was soll´s – wir haben ja Urlaub.
Nicht lange stand die Frage des anzuvisierenden Ziels im Raum. Venusköpfchen schlug vor und ich schlug ein. Sie suchte den Flug, ich buchte die Tickets. Sie will Abenteuer, ich sehne mich nach Ruhe. Ich kenne den Ort bereits, sie noch nicht. Wir machen alles gemeinsam und gehen dabei arbeitsteilig vor. Konsequent.
Venusköpfchen ist natürlich nicht nur ein Kopf. Sie ist viel mehr. Eine Frau. Schön wie die Venus von Milo, allerdings mit zwei funktionstüchtigen Armen. Anbetungswürdig wie die Venus von Botticelli, nur würde sich die meine niemals in eine Muschel stellen und an Land treiben lassen. Aber sie ist durchaus die Verkörperung geistiger Liebe. Ein Verwirrspiel ohne Ende. Immer Flausen im Kopf. Kaum zu bändigender Wahnsinn, verpackt in einen wunderschönen Menschen. Eine gestandene selbstbewusste Frau. Meine Geliebte. Mein Venusköpfchen.
»Nun mach mal halblang«, putzt mich Venusköpfchen runter und gibt mir einen Nasenstüber. »Wenn du mich so über den grünen Klee lobst, dann denken die Leser vermutlich, ich sei hässlich wie ein Grottenolm.«
»Grottenolme sind nicht so hässlich, wie du denkst.«
»Du lenkst ab.«
Venusköpfchen ist also eine schöne Frau.
»Ist das nicht ein bisschen verkürzt?«
Venusköpfchen ist die mit Abstand schönste Frau, die ich jemals gesehen habe.
»Moment – was ist mit dieser Schauspielerin – wie hieß sie doch gleich – Marlene Dietrich?«
»Die Dietrich ist tot.«
Meine geliebte Gattin ist so schön, dass ich sie ununterbrochen ansehen möchte. Punkt.
»Das klingt irgendwie so, als seien wir verheiratet. Dabei sind wir nur Freunde.«
Natürlich sind wir nur Freunde. Beste Freunde. Kumpels. So wie Adam und Eva. Wie Josef und Maria. Wie Gitte und Hænning. Wie Kermit und Piggy. Wie Loky und Smoky. Alles nur gute Freunde. Wir teilen viel miteinander. Manchmal das Bett. Oft den Humor. Aber nicht die Wohnung.
»Jetzt erzähl mal den Leuten nicht gleich unsere ganze Lebensgeschichte. Du sollst über unsere Reise nach Kreta schreiben. Mehr nicht. Punkt.«
Und über unsere Begleiter.
»Legst du jetzt los?« Venusköpfchen steht mit dem gepackten Koffer in ihrer Tür. Ich stehe davor, sehe sie an, stecke den Notizblock weg, um ihr einen kräftigen Schmatzer auf die Nase zu setzen.
Los geht´s.

IMG_3212-300x200zwei
»Hallo«, sagt das Schlamm«.
»Hallo«, sage ich.
Das Schlamm zieht die Augenbrauen hoch, sieht mir tief in die Augen und rührt mich an.
»Lass das«, sage ich. »Du kannst es sooft versuchen, wie du willst. Du bleibst hier«.
»Was?«, fragt das Schlamm und zieht die Augenbrauen noch höher.
»Hör auf«, sage ich und wende mich ab. »Wir fahren ohne dich nach Kreta.«
»Was?«, wiederholt das Schlamm seine Frage, weil es die vorherige schon wieder vergessen hat.
»Eins«, sage ich.
Das Schlamm schläft auf der Stelle ein und fällt um. Das ist allerdings nicht schlimm, denn erstens ist das Schlamm ganz klein und fällt nicht tief, zweitens besteht es zu 95% aus Polyacryl und drittens ist das Schlamm nicht lebendig.
Ruckartig hebt sich der Kopf des Schlamms wieder. »Du lügst«, blökt es, schläft wieder ein.
Vermutlich sollte ich an dieser Stelle ein paar Worte zum Schlamm verlieren, bevor ein eilfertiger Leser mit Avancen zum Tierschutz die Polizei ruft. Ein Schlamm ist – obwohl es das natürlich selbst vollkommen anders sieht – kein richtiges Tier. Es ist vielmehr ein Bündel aus gewebtem Stoff in beige und schwarz, zurechtgeschnitten in China, wie das Etikett an seinem Allerwertesten mitteilt, gefüllt mit vermutlich weißer Watte und einem sandartigen Material im Bereich des Stummelschwanzes, womit es allerliebst wackeln kann. Oben sind zwei sehr kleine Plastikknöpfe sehr nah nebeneinander an den Kopf genäht, die wohl Augen sein sollen. Aufgewachsen ist das Schlamm in der Stofftierabteilung des Kölner Karstadt zwischen vielen seiner Art, einer ganzen Herde sozusagen, der es zum Behufe einer Schenkung an meine Geliebte entrissen wurde, und die es sofort vergessen hat, da sein Kopf bekanntlich mit Watte gefüllt ist und es sich logischerweise nichts merken kann. Fast nichts. Verrückterweise behält es die Dinge, die es lieber nicht hätte mitbekommen sollen.
Ein Schlamm ist eine ungewöhnliche Kreuzung aus 23 Stunden Schlaf und einem zu klein geratenen Schaf. Über seinen Namen macht es sich niemals Gedanken, denn würde es das tun, würde vermutlich die Watte innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem kleinen hässlichen Klumpen schmelzen. Schade wäre es für das Schlamm – der Umwelt wäre es ein Genuss.
Aber da das Schlamm nun einmal da ist, macht es auch keinen Hehl aus seiner Anwesenheit. Die einfachste und effektivste Methode, sich das Schlamm vom Hals zu halten und es vor allem daran zu hindern, unerträglichen Unsinn von sich zu geben, ist, ihm den Auftrag zu geben, bis drei zu zählen. Da das Gehirn eines solchen Stofftier-Schaf-Gemisches schnell überfordert ist, fällt das Schlamm bereits nach der Eins augenblicklich in Tiefschlaf, aus dem es erst dann wieder erwacht, wenn es von einer Fünf träumt. Warum Letzteres so ist, konnte bislang niemand herausfinden. Auch Voraussagen, wie schnell nach dem Einschlafen ein Schlamm-Traum von einer Fünf heimgesucht wird, entzieht sich bislang meiner Kenntnis.
Unser Schlamm auf jeden Fall schläft jetzt. So besteht große Hoffnung, die Wohnung verlassen und ins Taxi zum Flughafen springen zu können, bevor es sich an das Fenster des Schlafzimmers pressen und bittere Tränen der Verzweiflung vergießen kann.
»Wohin geht ihr?«, fragt das Schlamm und macht mit drei Worten jede Hoffnung auf einen ruhigen Urlaub zunichte.
»Lass es doch mitkommen, Hasenzähnchen«, bittet das Venusköpfchen. Und da man dem Venusköpfchen keinen Wunsch ausschlagen sollte, packe ich das wiedererwachte Schlamm an den Ohren und stopfe es in die Tasche.
»Aua, aua, aua, aua«, jammert das Schlamm, das wegen seines wattegefüllten Körpers keine Gefühle haben dürfte. Dachte ich.
»Ruhe jetzt«, murmele ich, denn ich will keine Diskussion mit dem Taxifahrer darüber führen, ob aus meiner Tasche eine Stimme erklingt, die sich über seine Fahrweise beklagt.
»Ich muss kotzen«, grollt es aus des Venusköpfchens Koffer.
»Oh nein«, meine ich fassungslos. »Das hast du nicht wirklich getan.«
Doch. Hat sie. Venusköpfchen hat auch seine Exzellenz, den ehrwürdigen Öwwes mitgenommen. Ich liebe Venusköpfchen wirklich. Ich werde sie immer lieben. Aber ihr Mitgefühl gegenüber sprechenden Stofftieren habe ich nie verstanden. Zumindest nicht immer. Für das Schlamm gibt es handfeste Argumente. Die eng stehenden Augen, der leicht debile Blick, die Naivität und nicht zuletzt der Unterhaltungswert, der sich durch seine jederzeit sehr sehr dummen Gesprächsfetzen ergibt. Aber bei Öwwes hört mein Verständnis auf. Alles hat seine Grenzen.
Um einen Öwwes zu verstehen, muss man einmal in Köln gewesen sein. Diese Stadt, die sich wie ein Kuhfladen zu beiden Seiten eines schmutzigen Flusses ausbreitet, zugepflastert mit sehr hässlichen Gebäuden zwischen vollbetonierten Plätzen, die keine Plätze im herkömmlichen Sinne sind, angefüllt mit penetrant singenden Eingeborenen, die zwar von der ersten Lebensstunde an in Kopfschmerzen verursachendem Bier eingelegt werden, dabei aber unschlagbar sympathisch sind. Wer hier aufgewachsen ist, der kennt seinen Öwwes. Wer hinzugezogen ist, braucht einen Vermittler. Denn Öwwes ist niemand anderes als ein kleiner Junge, dessen Eltern sich mit der französischen Aussprache des Namens ihres Sprösslings, den sie zwar selbst gewählt, aber nie verstanden haben, schwertun. Yves. Wie der Saint Laurent. Oder der Klein. Oder der Rocher. Oder der de Bellême. Den letzteren kennt kaum jemand, denn der ist schon lange tot. Und da der Kölner importierte Fremdworte immer so ausspricht, als wären sie dem eigenen Idiom entsprungen, klingt ein Yves eben wie ein Öwwes.
Der in des Venusköpfchens Koffer kotzende Öwwes jedoch ist keinesfalls in Köln aufgewachsen. So wie das Schlamm aus China stammt, sind seine Wurzeln in Bangladesch zu finden, worauf er sich einiges einbildet, denn er sieht darin den Beweis, ein Weltenbummler zu sein, ein Seefahrer, ein Matrose der besonderen Art, wenn nicht gar einer der berühmten Freibeuter, die die Weltmeere Jahrhunderte lang mit Angst und Schrecken überzogen. Aber machen wir uns nichts vor: Noch vor einem Jahr saß ebendieser Öwwes in der ersten Etage der Köln-Arcaden, einer Shopping-Mall, wie es sie zu Hunderten in unserer Republik gibt, zwischen sorgfältig frisierten Blondinen, die nichts als Luft zwischen den Plastikohren haben, und einer depressiven Stoffgiraffe. Öwwes war und ist ein Bär. Aus Stoff. Nicht aus dem Hause Steiff, wie seine adeligen Zeitgenossen, sondern von einer Billigfirma, deren Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue ausgebeutet werden.
Und ebenjener Öwwes liegt nun im Koffer des Venusköpfchens, beschwert sich, dass er zu wenig Alkohol habe und dass es viel zu eng sei.
»Wir können den Teddy doch nun wirklich nicht allein zu Hause lassen. Letzten Sommer hat er die gesamte Wohnung verwüstet.« Venusköpfchen sieht mich streng an. »Du erinnerst dich?«
Ich erinnere mich.
»Was?«, fragt das Schlamm aus meiner Tasche.
»Ööaaks«, kotzt Öwwes in ihren Koffer.
Ich gebe auf.
»Zum Flughafen«, murmele ich dem Taxifahrer zu. »Aber nicht zu schnell fahren. Bitte.«
Der Mann hinter dem Steuer sieht mich mitleidig an.
»Wirde Ihnen schlechte?«, will er wissen.
»Nein, mir nicht.«
»Ihre Fraue?«
»Nein.«
»Warum danne langsame fahrene?« Die buschigen Augenbrauen ziehen sich in die Höhe wie beim Schlamm.
»Das wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir.«

P1090777-300x225drei
Fünf Stunden später landet der große langgestreckte Vogel auf der holperigen Landebahn des Flughafens von Chania im Westen Kretas. Venusköpfchen setzt ihre normale Gesichtsfarbe auf, erlaubt mir, ab sofort wieder über das Geschehen zu schreiben und in den Koffern ist Ruhe.
»Jamas!«, brüllt Venusköpfchen in die flirrende Hitze und weckt dadurch den ernüchterten Bären.
»Jassas!«, schreie ich hinterher, weil ich sie nicht oberlehrerhaft darüber belehren will, was der Unterschied zwischen einer griechischen Begrüßung und einer ebensolchen Zuprostung zwecks Raki-Genusses ist. Aber dafür ist es zu spät.
»Klugescheißermodus abstellen!«, brüllt Venusköpfchen doppelt so laut wie vorher.
»Was?«, fragt das Schlamm.
Ich organisiere zwei Bustickets in die Innenstadt. Nicht dass wir dort bleiben wollen, beileibe nicht. Menschen haben wir daheim zu Genüge um uns herum. Ruhe wollen wir diesmal. Und Abenteuer. So lautet der einstimmige Beschluss. Ruhige Abenteuer und abenteuerliche Ruhen sollen es werden. Unten im Süden. Da, wo es keine anderen Touristen gibt. Nur Griechen und uns. Also erwerbe ich auch noch zwei Tickets in den Süden.
Eine Herde schwedischer Urlauber mit angebrannten Armen und Gesichtern wartet hinter wie Girlanden drapierten Absperrungen darauf, von den jugendlichen Promotionteams auf die Eincheckschalter losgelassen zu werden. Dänische Mittsechziger stopfen sich gierig importierte Zigaretten in den Mund, auf die sie in den vergangenen vier Stunden haben verzichten müssen. Drei minderjährige Berlinerinnen prügeln sich um einen Kufferkuli. Griechische Männer lungern zwischen Taxis herum, lassen klimpernd ihre Komboloi um die Finger kreisen – jene wie Rosenkränze anmutenden Kettchen, die keinerlei religiöse Bedeutung haben.
»Herrlich. So stelle ich mir Grönland vor«, formuliert Venusköpfchen ihre Gefühle, von denen sie mitgerissen wird.
»Griechenland«, korrigiere ich dummerweise.
»Ach, ob nun Ön oder Iechen – das ist doch egal.« Sie wendet sich mir zu. »Jetzt einen Ouzo.« Sie sieht mich durchdringend an, als ich nicht umgehend reagiere. »Ich sagte: jetzt einen Ouzo!«
»Der Bus fährt in acht Minuten.«
»Dann trinken wir den Ouzo eben im Bus«, bestimmt Venusköpfchen, weist energisch auf ihren Koffer, schnappt sich eines der Tickets und stolziert auf die ordentlich nebeneinander abgestellten Busse am Ende des Parkplatzes zu.
Ich habe meine Tasche so gepackt, dass ich jederzeit schnell einen Bus erreichen kann. Aber ich habe wieder einmal vergessen, dass Venusköpfchen darauf verzichtet, sich Gedanken um die anvisierte Himmelsrichtung zu machen. Sie hat also einfach von allem etwas in ihren Koffer gestopft, der jedes Mal zu schwer ist, um ihn problemlos durch den Check-in zu bekommen. Das Ungleichgewicht strapaziert meinen Rücken, doch darauf kann ich jetzt nicht achten, denn das Busticket zwischen meinen Lippen löst sich allmählich auf.
Das Venusköpfchen ist bereits in ein Gespräch mit dem Busfahrer und seinem Fahrkartenverkäufer verwickelt, als ich um die Stoßstange des Busses biege.
»Da bist du ja«, sagt sie lachend. »Stelios fährt unseren Bus.«
»Jassu Stelios«, bringe ich keuchend hervor, nachdem ich meine Tasche fallen gelassen und das Ticket zwischen den Lippen hervorgezogen habe.
»Wenn du mit einem Griechen sprichst, dann musst du das S weglassen«, rügt mich die Herrscherin.
»Jassu Telios«, korrigiere ich mich also und bekomme dafür von meiner Angetrauten einen Schlag auf den Hinterkopf. Ich lasse ihren Koffer erschöpft auf meine Tasche plumpsen.
»Aua«, beschwert sich das Schlamm.
»Aua«, blafft mich ein Öwwes an.
»Puh«, stöhne ich.
Venusköpfchen, Stelio und der noch namenlose Ticketverkäufer sehen mich herausfordernd an.
»To Chania?«, fragt Stelio.
Ich nicke.
»Other side«, sagt er und weist mit der Hand um den Bus herum.
Ich schleppe Tasche und Koffer zur geöffneten Klappe, werfe sie in den vollkommen leeren Laderaum, was natürlich lautstarke Beschwerden aus der Tiefe des Raums nach sich zieht, taumele zurück zur Tür. Eine kleine Plastikflasche macht soeben die Runde. Das Venusköpfchen gibt mir einen Kuss auf die Nase. Sie riecht wunderbar nach Anis. Wir besteigen den Bus.

P1100107-300x225vier
Chania. Der staubige Busbahnhof. Aussteigen, quengelndes Gepäck tragen, einsteigen, weiterfahren. Die Nordküste. Hotel reiht sich an Hotel.
»Wohin fahren wir bloß?«, beklagt sich mit ernster Miene das Venusköpfchen. »Wohin bringst du mich?« Kopfschüttelnd stiert sie aus dem Fenster.
Blaue Pools voller dicker Nordeuropäer. Saubere Restaurants mit bunten Fotos auf den Speisekarten, damit die ausländischen Gäste nicht so viel lesen müssen, wenn sie doch nur essen wollen. Beim Gabi serviert heute Schnitzel mit Pommes und Bratkartoffeln mit Speck. Gamla Stans Restaurang bietet Köttbollar und Jansons Frestelse an.
»Hasenzähnchen«, meint Venusköpfchen besorgt zu mir, »werde ich diese Reise überleben?«
»Sicher«, sage ich. »Vermutlich«, schränke ich ein. »Eventuell«, schiebe ich nachdenklich hinterher.
Zwei britische Sonnenanbeter verirren sich in unseren Bus. Wir wollen sie rauswerfen, mögen sie jedoch nicht anfassen. Die Badehosen, Bikinis, Badetücher sind so hässlich, dass ich befürchte, meine Finger an Ort und Stelle zu verlieren, wenn ich sie damit in Berührung bringe. Darunter: ehemals milchweiße Haut, die nach ein paar Stunden Sonnengenuss tiefrot geworden ist. Der Geruch überparfümierter Sonnenmilch durchströmt kurz meine Nasenflügel, bis ich das Atmen auf den Mund verlege. Venusköpfchen rollt mit den Augen, wackelt mit dem Kopf, nuckelt an der Ouzoflasche, die beinahe leer ist.
»Nein, das kann ich nicht überleben. Ich werde vor Augenschmerzen sterben.«
»Wir sind in einem sehr gemütlichen deutschen Hotel untergebracht«, entgegne ich. »Wir müssen nicht mit Angelsachsen sprechen.«
Venusköpfchen schlägt mich zehn Minuten lang. Die Rothäute steigen kopfschüttelnd an ihrer Hotelanlage aus, sehen uns durch die schmutzige Scheibe ratlos an. Venusköpfchen streckt ihnen die Zunge heraus und macht ihnen eine lange Nase. Der Bus fährt weiter. Bergauf. Endlich.
Die Berge. Die kurvigen Straßen. Wundervoll. Kleine Dörfer voller uralter Männer und Frauen. Sehr griechisch. Kinder und Jugendliche werden hier nicht angebaut. Was sollen die auch hier tun? Also purzeln sie die Berge hinunter, an die Küsten der quer im Mittelmeer liegenden Insel und bevölkern die dortigen Ortschaften. Also hier oben: nur Alte.
Kakópetros. Messávlia. Flória. Die Bäume wachsen niedrig, streifen den Bus, der mit Vollgas durch die Orte braust. Eine Vollbremsung macht der Busfahrer nur für die schwarz gewandete, runzelige Eingeborene, die mit einem knotigen Stock bewehrt und einer Tüte voll toten Kaninchens in der Hand am Wegesrand steht und dem fauchenden Fahrzeug auflauert. Sie klettert keuchend die steilen Stufen empor, hockt sich auf einen der beiden Sitze vor uns und dünstet aus.
Vor mir Dünstung, neben mit Schnappatmung. Meine Liebe muss noch viel lernen, wenn sie sich hier gesund halten will. Der Fahrkartenmann trottet auf unsere neue Begleiterin zu, diskutiert eine, zwei, drei Minuten mit ihr, zieht sich dann unverrichteter Dinge wieder zurück. Die Alte hat gesiegt.
Ortswechsel. Die Alte kullert raus, ein Offizieller springt herein. Der Kontrolleur. Selbstverständlich hat uns der Fahrkartenmann längst auf gültige Fahrscheine untersucht. Aber man weiß ja nie, vielleicht hat er einen Fehler gemacht. Also der Kontrolleur. Mein Fahrschein hat den Aufenthalt zwischen meinen Lippen nicht gut vertragen, aber er wird akzeptiert. Der kleine Riss wird etwas vergrößert. Die Blicke, die er auf meine Angetraute wirft, könnten mich erzürnen lassen. Tun sie aber nicht. Wir sind im Urlaub.
Ein Ort weiter: der Kontrolleur des Kontrolleurs. Sie nicken sich freundlich zu, plaudern einen Kilometer miteinander, dann wird gearbeitet, jeder Fahrschein ausgiebig begutachtet. Der Riss wird noch länger. Griechische Fahrkartenkontrolleurekontrolleure erkennen an der Länge eines Risses im Fahrschein die Ernsthaftigkeit ihrer Kollegen.
Kándanos. Plemenianá. Grigoriana. Venusköpfchen sitzt still, blickt aus dem Fenster. Hin und wieder stöhnt sie leise. Eine Weile mache ich mir Sorgen, es gehe ihr vielleicht nicht gut. Doch es scheinen Wohllaute zu sein, die ihren elegant geschwungenen Lippen entströmen. Olivenhaine und üppige Kastanien ziehen an uns vorüber. Die Luft flirrt vor Hitze. In engen Kurven schlängelt sich die Straße durch die Berge.
Eine neue Brücke erscheint in der schmutzigen Windschutzscheibe des Busses. Die engen Schluchten, durch die sich der Bus bis vor einigen Jahren quälte, sind überbrückt. Zugewucherte Restwege im Seitenfenster. Straßenlaternen, vermutlich aus irgendeinem Topf der Europäischen Union finanziert, zieren die Brücke rechts und links. Angeblich sind sie nicht ans Stromnetz angeschlossen. Aber was soll´s, immerhin stehen die hübschen Laternen da. Und im Moment scheint ja auch die Sonne, wer braucht da schon künstliches Licht.
Karge Hügel schieben sich ins Blickfeld. Die Macchia. Dornengestrüpp, kilometerweit. Bienenkästen. Einzelne Olivenbäume. Früher, damals, vor langer Zeit, war die Insel bedeckt mit Wald. Gewaltige Zypressen und Zedern habe Kreta bevölkert. Wunderbar für den Bau von Schiffen und Häusern geeignet. Viele Machthaber kamen und gingen. Sie alle nahmen so viel Holz mit, wie sie tragen konnten. In venezianischen Bauten macht sich kretisches Holz sehr gut.
Kakodíki. Vlithiás. Kálamos. Die letzten Orte vor der Küste. Venusköpfchen presst die Nase an die Scheibe. Ruckartig wendet sie sich mir zu.
»Wir müssen den Bus anhalten. Sofort.« Große Augen.
»Nein, das müssen wir nicht.«
»Doch. Das Schaf hat Angst im Dunkeln.« Sie erhebt sich. Ich ziehe sie auf den Sitz zurück.
»Erstens ist das kein Schaf, sondern ein Lamm, zweitens ist das Ding aus Stoff und verspürt keine Angst und drittens hat es einen dreistündigen Flug überlebt, da wird es auch die Busfahrt überstehen.« Ich sehe das Venusköpfchen ernst an.
»Im Flugzeug war es tiefgefroren. Da konnte es nichts spüren.« Sie ist wirklich besorgt. »Es weint doch immer so bitter, wenn es dunkel ist.« Ein leichter Schauer läuft über ihren Arm. »Bitte, halt den Bus an.«
»Wir sind gleich da.«
Zwischen zwei Hügeln öffnet sich die türkise Ebene. Unter dem strahlenden Himmel, der zum Horizont immer weiter ausbleicht, schwimmt ein anderes Blau. Ein kitschiges, weißes, türkises, grünes Blau. Eines, das uns sagen will, dass es unendlich ist. Das libysche Meer. Knapp 300 Kilometer bis Afrika. Ein Katzensprung. Wir staunen ob der Farben. Plötzlich ist da diese Aufregung. Gleich werde ich an dem Ort sein, den ich für mich gefunden habe. Gleich werde ich die alten Häuser sehen. Und ich werde erfahren, ob mein Weib meine Vorlieben teilt. Ein skeptischer Blick zur Seite. Augen. Strahlend diesmal. Das Schaf ist vergessen. Leichtes Klopfen von unten. Nein, das kann nicht sein. Es ist in einer Tasche, darin kann es nicht klopfen.
Paleochora. Παλαιόχωρα. Палеохора. 帕雷歐霍拉. パレオホーラ. פּאַלעאָטשאָראַ. 팔 레오 코라. Палеоцхора, Παλιόχωρα. Palaiochora. Die alte Stadt. Eine Landzunge schiebt sich ins Meer hinein. Das Ortsschild, von der Dorfjugend im letzten Winter mit allerlei Waffen in ein grobes Sieb verwandelt. Eine schmutzige Allee am Ortseingang. Das alte Rathaus, über das dereinst die Gestapo herrschte. Die schmale Straße mit den hohen Bordsteinen. Maulbeerbäume mit weiß angestrichenen Stämmen säumen den Weg. Ein verfallenes Kastell thront über dem Ort.
Der Bus wendet an der Station, parkt zwischen Bäumen und entlässt uns aus der klimatisierten Luft in die kretische Hitze. Venusköpfchen stöhnt laut auf.
»Wasser!«, ruft sie. »Ich verdurste!«
Verdutzt dreht sich ein hagerer Deutscher, der mit uns fuhr, um, schüttelt den Kopf, setzt dazu an, etwas zu sagen, wird jedoch von meiner Dame unterbrochen.
»Hallo Sie da, haben Sie Erbarmen. Mein Mann schlägt mich. Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen. Und jetzt lässt er mich auch noch verdursten.« Sie schnappt sich den Arm des armen Mannes, hängt sich bei ihm ein und haucht erneut: »Wasser!«, wobei sie überdeutlich lispelt.
»Also so was …«, schimpft der Behängte, schüttelt sie ab, nimmt seinen Rucksack aus dem Laderaum und stapft davon.
»So, den sind wir los«, sagt Venusköpfchen, marschiert einmal um den Bus herum, wartet darauf, dass ich ihr folge, zeigt auf unser Gepäck. Gehorsam nehme ich Koffer und Tasche, setze auch meinen Tagesrucksack auf die Schultern, und dann führe ich sie in den Ort ein.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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