Alle für einen …

Wie an jedem Morgen stand die Clique an der Ecke, genau im toten Winkel zwischen Bushaltestelle und Schule. Die Vorgärten hinter ihnen erstickten unter der Blütenpracht des Frühlings.
Jakob kam langsam auf die Clique zu. Den Blick hatte er auf den Boden gerichtet. Ole machte einen Schritt nach vorne, stellte sich ihm in den Weg.
„Na, Schwanzlutscher, alles klar?« Jakob blieb stehen und blickte Ole an. Dann setzte er seinen Weg weiter fort, wobei er Ole resolut zur Seite schob.
„Arschficker«, rief Ole hinter ihm her. Jakob reagierte mit einem ausgestreckten Mittelfinger.
„Lass den doch«, mischte sich Wanja ein. „Was geht´s dich an, dass er andersrum ist?«
„Ich habe keine Lust mich von so einem betatschen zu lassen.«
„Warum sollte er das tun?«
„Das machen die doch alle.«
Wer an der Clique vorbei wollte, musste einen Bogen um sie machen. Denn mit der Clique legte man sich besser nicht an.
Die Clique: Das war in erster Linie Ole, der Wortführer, der kein Blatt vor den Mund nahm und auch gerne mal zuschlug. Er wurde von den Zwillingen Jan und Felix flankiert. Und dann waren da noch die Mädchen: Jennifer und Sara, Lisa und Julia. Zu guter Letzt gehörte Wanja dazu. Er kannte Ole am längsten, sie waren schon zusammen in den Kindergarten gegangen und waren jetzt in die 9. Klasse.
Wanja zog aus seiner Tasche ein paar Briefumschläge mit Einladungen zu seinem 15. Geburtstag, die er verteilte. In diesem Moment fuhr ein Auto an ihnen vorbei. Nicht eine dieser Kombi-Familienkutschen, sondern ein S-Klasse Coupé. So eine Karre kostete zwei Jahresgehälter seines Vaters – das behauptete zumindest Ole, und der musste es wissen, schließlich kannte er sich mit Autos aus. Alexander aus der 7. saß auf dem Beifahrersitz der Karosse, stieg aus, schnappte sich seine Tasche vom Rücksitz und verabschiedete sich von seiner Mutter. Der Mercedes jaulte auf, dann brauste er davon. Alexander bemerkte die Clique erst, als Ole ihn stoppte. Alexander zuckte zurück, versuchte Ole auszuweichen und stolperte dabei über dessen Bein.
„Ups, das tut mir aber leid«, sagte Ole gespielt betroffen. Dabei blieb er ungerührt stehen und blickte ihn an. Wanja trat auf Alexander zu und stellte sich ihm in den Weg. Die Mädchen kicherten.
„Was hast du denn da Schönes?«, fragte Ole. Mit einer schnellen Bewegung hatte er sich Alexanders iPod geschnappt. „Dann wollen wir doch mal sehen, welche Musik du hörst.« Ole steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und lauschte.
Alexander sah den deutlich größeren Ole an. „Gib ihn mir zurück.« Zögerlich streckte er die Hand aus, doch Wanja schubste ihn sofort gegen die Hauswand.
„Die Musik ist ja echt Scheiße.« Ole blickte ihn mit einem boshaften Lächeln an, einen der Kopfhörer hatte er sich aus dem Ohr gezogen. „Woher hast du denn das Zeug? Von deiner Oma?«
Alexander schüttelte den Kopf. Er hatte Schiss, das wusste Wanja. Alexander kämpfte vergeblich gegen die Tränen an.
„Nicht weinen, Kleiner, du kriegst ihn morgen zurück.«
Ole lehnte sich gegen die Wand. Alexander stand wie versteinert neben der Clique, schluckte schließlich die Angst herunter: „Das ist meiner.« Mutig machte er einen Schritt auf Ole zu. „Gib ihn mir zurück. Ich kriege Ärger, wenn der weg ist.«
„Stell dich doch nicht so an«, meinte Wanja. „Du kriegst ihn zurück, wenn du mir Geld gibst.«
„Ich habe kein Geld …«
„Na, du wirst doch ein paar Euro in der Tasche haben.«
„Das Geld brauche ich für den Kakao in der Pause.«
„Na, dann gibt´s heute mal keinen Kakao.« Zu Ole sagte Wanja: „Ich glaube, wir müssen dem Kleinen Mal erklären, wer wir sind.«
Ole und Wanja schubsten Alexander ein paar Mal hin und her.
„Na, was ist jetzt?«, meinte Wanja. „Zehn Euro. Oder sollen wir nach der Schule hier auf dich warten?«
Alexander kramte sein Portemonnaie aus der Tasche. „Ich habe aber nur fünf«, meinte er.
„Morgen bringst du zehn mit, haben wir uns verstanden?«
Alexander nickte stumm. Kaum hatte Wanja das Geld in der Hand, da stieß er den Kleinen so heftig von sich, dass er in die Hecke stolperte. Die Mädchen lachten. Ein paar andere Schüler blickten verstohlen herüber, zogen schnell die Köpfe ein, als sie Oles Clique erkannten. Der nahm Wanja das Geld ab und steckte es in seine Hosentasche.
„Na geh schon. Für heute hast du´s überstanden«, raunzte Wanja den Kleinen an. „Und untersteh dich, irgendjemandem von unserem Geschäft erzählen, sonst warten wir hier jeden Morgen auf dich.«
Alexander drehte sich um und rannte auf die Schule zu.
„Was habt ihr mit dem Kleinen gemacht?«, fragte in diesem Moment eine Stimme hinter Wanja. Er drehte sich um und erblickte Annika. „Lasst ihn bloß in Ruhe.«
Die Mädchen verstummten. Jan und Felix hoben die Köpfe. Auch Ole wandte sich um und blickte Annika geringschätzig an. Sie war anders als die übrigen Mädchen in ihrem Jahrgang, legte weder Wert auf tolle Klamotten oder beteiligte sich daran, die Lehrer zu ärgern.
„Nichts haben wir mit ihm gemacht«, meinte Wanja betont unschuldig. „Außerdem: Was geht´s dich an?«
„Der ist jünger als ihr. Vergreift euch wenigstens an Leuten, die gleich alt sind.« Annika schob Wanja zur Seite und ging an der Clique vorbei.
Ole stellte sich ihr in den Weg. Annika blieb vor ihm stehen und blickte ihn mit schief gelegtem Kopf an. Ole zwinkerte ihr kurz zu, bevor er mit gespielter Höflichkeit zur Seite trat.
Ole nahm seine Tasche, rief Wanja über die Schulter zu: „Wir sehen uns später«, und rannte zur Schule. Die Zwillinge und die Mädchen folgten ihm.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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