Umbruch

cover_final_richtig_2Ein dumpfer Knall erschütterte den Berg. Nicht laut, aber in den oberen Regionen doch deutlich zu hören. Eine Erschütterung, gefolgt von einer Druckwelle. Schmerz in den Ohren. Danach die langsame Bewegung nach unten. Der Hang löste sich in Zeitlupe. Steine, Erde, Felsen flossen wie Wasser den Berg hinab. Dabei nahm die Masse auf dem Weg alles mit, was ihr in die Quere kam. Es hatte in den letzten Wochen nicht geregnet. Der Boden war ausgetrocknet. Die Erde zerbröselte bei jeder Berührung, sie konnte durch nichts aufgehalten werden. Wenige Bäume stellten sich dem Strom in den Weg, boten keinen Widerstand. Die Abwärtsbewegung wurde immer, die Gewalt reißender. Erst ein Grummeln, das nach und nach anschwoll. Die Erde bebte sacht. Eine Staubwolke. Die Bewegung wurde schneller, bedrohlicher. Der gesamte Berg vibrierte. Vögel stoben auseinander, Warnrufe ausstoßend. Eine gurgelnde Masse aus Geröll, gemischt mit Erde und Baumstämmen, wälzte sich den Berg hinab. Sie begrub alles unter sich und bewegte sich auf den Hof zu. Zuerst trafen einzelne Steine und Felsbrocken das Dach. Sie durchschlugen ein Fenster, dann zwei, drei. Danach kam die Welle. Mit unglaublicher Wucht prallten die Geröllmassen auf die Gebäude. Felsen und Erde stürzten herab. Sie schossen an dem Haus vorbei. Ein Holzschuppen wurde niedergerissen. Das Hauptgebäude gab nach. Es rutschte mit einer leichten Linksdrehung den Berg hinab und stürzte in sich zusammen. Ein Quietschen und Kreischen. Das Getöse war ohrenbetäubend. Etwa hundert Meter rutschten die Trümmer des Hauses den Hang hinab, dann kam alles zum Stehen. Der Strom beruhigte sich, das Haus hatte genügend Widerstand geleistet. Bei den Bäumen unterhalb der Pension war die Lawine zum Stillstand gekommen. Dort, wo sich vorher noch das Haus und ein Parkplatz mit den Autos befunden hatten, lagen jetzt nur noch Trümmer und Geröll. Eine gewaltige Staubwolke erhob sich und verdunkelte die Sonne. Drei Gestalten standen in einiger Entfernung und beobachteten das Spektakel aus sicherer Entfernung. Dann wurde es still.

© Text: Stephan Martin Meyer, Köln 2015
© Coverillustration: Thorwald Spangenberg
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