Jornas Reise

Prolog
Zwei Kinder gleichen Alters, geboren aus einer Mutter Leib.
Zwei Paare, die sich gefunden, obwohl es niemand sah.
Vier Freunde, eng verbunden auf ewige Zeit.

Die Schwarzalben drangen durch Türen und Fensteröffnungen in die Festung ein und verbreiteten ihren Gestank bis in die letzte Ecke des Saales. Sie schwebten durch das fahle Licht, hockten sich auf die Säulen und ließen sich vor dem steinernen Thron nieder. Sie grunzten und lachten mit kehligen Stimmen. Rauchschwaden zogen durch die Luft, und endlich betrat der Magier die riesige Halle. Er lauschte auf die Stimmen und versuchte die Informationen zu erfassen. Der graue Umhang drückte auf seine Schultern, als er zu seinem Thron hinauf stieg. Ächzend sackte er dort nieder. Schließlich hob er die Hand und die Schwarzalben verstummten nach und nach.
»Was bringt ihr mir?«, zischte er.
Einer der größten Alben, mit verzerrten Gesichtszügen, fettigen Haaren und schmutzigen Fingern, kam – halb humpelnd, halb flatternd – auf ihn zu, verneigte sich tief. Der Magier verzog das Gesicht, zupfte ein Tuch aus dem Umhang, das er sich unter seiner Kapuze vor Mund und Nase hielt.
»Wir haben ihre Spur gefunden, Meister.« Der Alb war nur wenige Zentimeter vom Gesicht des Magiers entfernt. »Sie sind getrennt worden. Schon vor langer Zeit. Der eine ist in jenem Land, das Waldland genannt wird. Im Osten.«
»Und der andere?«
»Er kann nicht weit entfernt sein. Nicht weit. Wir werden ihn suchen, und wir werden ihn finden.«
Die Schwarzalben rundherum erhoben ihre Stimmen. »Wir werden ihn suchen und wir werden ihn finden«, krächzten sie. Einige schwangen sich in die Höhe, stießen bedrohlich wieder herab, kreischend und keckernd.
Der Magier betrachtete die Schar abschätzig. Als einer der Schwarzalben nah an ihm vorbeihuschte, griff er blitzschnell zu. Ein Röcheln kroch aus dem Mund des Alben, während der Magier zudrückte. Die Augen des Alben weiteten sich in einer Mischung aus Schmerz und Vergnügen.
»Schwärmt aus!«, sprach der Magier. »Handelt schnell und gründlich!«
Angewidert schleuderte er den Alben von sich. Der prallte an eine Säule und stürzte zu Boden. Als er sich aufrichtete, entblößte er eine Reihe fauliger Zähne. Er fauchte den Magier an: »Wir handeln schnell und gründlich.« Die anderen Alben fielen ein: »Schnell und gründlich. Schnell und gründlich.«
»Jetzt verschwindet, abscheuliches Gesindel«, krächzte der Magier und erhob sich. »Geht mir aus den Augen und kommt erst zurück, wenn ihr genau wisst, wo sie sind.«
Er schlurfte durch den Saal, während sich die Alben kreischend erhoben. Die stickige Luft war erfüllt von ihrem Geschrei: »Abscheuliches Gesindel«, schrien sie lachend durcheinander. »Abscheuliches Gesindel hat er uns genannt.« Sie verschwanden. Nach kurzer Zeit erinnerte nur noch der grässliche Gestank daran, dass sie hier gewesen waren.
In einem Winkel, im Schatten einer Säule, krümmte sich die kleine Gestalt, kroch im Schutz der Wand über den Boden, bis sie durch die Tür nach draußen entwischen konnte. Obwohl seine Freunde dachten, sie sei längst tot, machte sich die Gestalt auf den langen Weg, um die Bewohner des Waldlandes zu warnen.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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