Der Pinguin aus der Tiefkühltruhe

Annika03Als Annika die ungewöhnliche Entdeckung in der Tiefkühltruhe des Supermarktes machte, veränderte sich alles. Von einem Moment auf den anderen.
„Mama, am liebsten mag ich ja Pommes!“ Annika streckte sich, um über den Rand der großen Tiefkühltruhe des Supermarkts zu gucken. Dahinter lagen Pommes. Bergeweise.
Mama sagte natürlich Nein. „Pommes machen dick und müde. Wir essen lieber Nudeln. Davon wird man nicht nur satt, sondern auch glücklich.“
Annika stöhnte auf. Sie wusste genau: Wenn sie Pommes essen würde, dann wäre sie glücklich. Sehr glücklich. Sehnsüchtig starrte sie auf die Tüten in der Truhe. Da hinten links, das war bestimmt die beste Tüte. Sie seufzte. Mama zog sie weiter, zu den Servietten, die gegenüber im Regal lagen. Die brauchten sie, weil sie mit Mamas Freunden im Park grillen wollten. Annika befreite sich aus dem Griff ihrer Mutter und huschte zur Tiefkühltruhe zurück.
Adelie05Wo war noch mal das Eis? Schokoladeneis aß sie für ihr Leben gern. Neben den Pommes lagen die Fischstäbchen, dann kamen die Erbsen und der Brokkoli, dahinter der Pinguin, die Hähnchen und der Seelachs … Moment mal! Annika riss die Augen auf. Ein Pinguin? Da! Hinter den Erbsen! Ein waschechter Pinguin. So groß wie ein tiefgefrorenes Hähnchen. Er war nicht in Plastikfolie eingewickelt und schlief. Einfach so.
Annika wurde von einer Frau zur Seite geschoben, die eine Tüte Pommes aus der Truhe heraus fischte. Erwachsene nehmen meistens IRGENDEINE Tüte. OHNE sie sich vorher anzugucken. Dabei muss man genau darauf achten, ob es die richtigen Pommes sind. Lange Pommes schmecken nämlich ganz anders als kurze. Annika tastete Pommestüten immer genau ab. Wenn nur kurze Pommes drin waren, dann war die Tüte nicht gut. Basta!
Annika reckte sich wieder an der Kühltruhe hoch. Der Pinguin schnarchte leise. Zwischen dem Brokkoli und den Tiefkühlhähnchen. Seelenruhig. Annika schob mit Mühe den Deckel der Truhe auf. Uff, das war echt schwierig. So, und jetzt? Annika streckte vorsichtig Adelie03den Zeigefinger aus, näherte ihn Zentimeter für Zentimeter dem kleinen schwarzen Körper, dessen Brust sich beim Atmen langsam hob und senkte. Er fühlte sich warm an. Und ganz weich. Annika stupste mit ihrem Finger vorsichtig in den weißen Bauch des Pinguins. Er zuckte kurz, schmatzte im Schlaf und schlief weiter. Noch mal. Etwas fester. Diesmal zappelte er einen Moment und drehte sich auf die Seite. So ein Mist. Ein letzter Versuch. Mit Schwung bohrte Annika ihren Finger in den Pinguinbauch.
„Aua!“, sagte der Pinguin und setzte sich auf seinen Po. Annika zuckte zurück. „Was soll das?“ Verschlafen blickte der Pinguin sie an. Annika rutschte etwas von ihm weg und staunte. Der Pinguin sprang auf seine Füße und rieb sich die Augen. Er ähnelte dabei einem gerupften Huhn. Er kletterte über die Tüten und Packungen, blickte sich um, schüttelte ratlos den Kopf, bevor er Annika ansah.
„He, du!“, meinte er. „Hast du mich geweckt?“ Annika bekam keinen Ton raus. „Kannst du nicht sprechen?“
AnnikaAdelie 2 Kopie„Doch, doch, klar kann ich sprechen.“
„Wo bin ich denn hier gelandet?“
„Du bist in der Tiefkühltruhe.“
„Wo?“
„In der Tief-Kühl-Truhe“, sagte Annika.
„Aha.“ Den Pinguin schien das nicht zu wundern. Er putzte sich einen Moment lang das Gefieder, dann fragte er weiter: „Und wie heißt du?“
„Annika.“
„Gut. Ich bin Adelie“, sagte Adelie.
„Dann bist du ein Mädchen?“
„Klar bin ich ein Mädchen! Eine echte Pinguinin. Sehe ich etwa aus wie ein Junge?“ Adelie schaute Annika an, als wäre die ein bisschen doof.
„Nein, natürlich nicht“, entschuldigte sich Annika sofort. Sie war sich aber nicht sicher, woran man bei einem Pinguin erkannte, ob er ein Junge oder ein Mädchen war.
„Warum hast du mich aufgeweckt?“, fragte Adelie und rollte böse mit den Augen.
„Weil du zwischen den Fischstäbchen und den Hähnchen geschlafen hast.“
Adelie schaute sich um. „Ich glaube, ich habe mich verirrt.“ Adelie sah irritiert aus. „Wo ist denn dieses Tief-Kühl-Dings?“
„Im Supermarkt!“, sagte Annika.
„Im Super-was?“ Adelies Stimme klang verunsichert. Sie watschelte ein bisschen in der Tiefkühltruhe umher. Dann blieb sie stehen, guckte Annika an und sagte: „Ich will nach Hause.“ Eine große Träne lief ihr die Wange herab, gefror jedoch sofort zu einem Eiskristall.
„Wo kommst du denn her?“
Die Pinguinin schaute Annika verständnislos an. „Was für eine blöde Frage. Glaubst du etwa, ich komme vom Südpol?“
„Nein … natürlich nicht …“ Annika dachte nach. „Und wo ist dein Zuhause?“
„Woher soll ich das denn wissen? Du bist doch hier die Superschlaue! Wenn du mich schon geweckt hast, dann bring mich auch wieder zurück.“
„Wie sieht es denn da aus, wo du herkommst?“
„Hmm … lass mich mal überlegen. Da sind viel mehr Bäume als hier, das ist mal sicher.“
´Natürlich sind da mehr Bäume´, dachte sich Annika. ´Wir sind ja auch im Supermarkt, und da gibt’s bekanntlich gar keine Bäume.´ So richtig klug war Adelie offenbar nicht. Gerade versucht das Pinguinmädchen aus der Tiefkühltruhe zu klettern, da wurde Annika am Arm gepackt.
Annika02„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht einfach weglaufen sollst?“ Annikas Mutter stand wütend neben ihr. Der Deckel der Truhe flog mit einem Knall zu. Beinahe hätte sich Adelie dabei einen Flügel eingeklemmt. „Komm jetzt!“ Sie zog Annika hinter sich her, schleppte sie in Richtung Pappteller.
Annika war sauer. Wer war denn weggelaufen? Sie oder Mama? Sie konnte doch nichts dafür, wenn ihre Mutter ständig zwischen den Regalen hin und her lief.
„Aber Mama …“
„Ich will jetzt nichts von dir hören. Ich habe dich überall gesucht und mir Sorgen gemacht. Mir reicht´s.“
„Aber Adelie …“ Verzweifelt versuchte Annika ihre Hand aus dem Griff ihrer Mutter zu befreien.
„Schluss jetzt. Das ist hier kein Spielplatz. Ich habe fast alles und wir können bezahlen. Ende der Diskussion.“ Die Tiefkühltruhe verschwand aus Annikas Blickfeld. Sie musste mit ansehen, wie saure Gurken und Ketchup im Einkaufswagen landeten. Es gab kein Zurück zu Adelie.
Ein paar Minuten später standen sie in der Schlange vor den Kassen. Hier musste Annika besonders gut aufpassen. Vorne, neben der alten Frau, die gerade unendlich langsam ihre Einkäufe aus dem Wagen holte und auf das Förderband legte, war das Regal mit den Süßigkeiten. Annika musste genau im richtigen Moment zu ihrer Mutter sagen, dass sie schon lange keine Schokolade mehr gegessen hatte. Nicht zu früh, damit Mama keine Zeit zum Überlegen hatte, aber auch nicht zu spät, damit die Schokolade nicht schon an ihnen vorbei war. Annika konzentrierte sich auf das Regal. Allmählich rückte es näher. Gerade wollte Annika etwas sagen, da blickte sie nach vorne zu der alten Frau und stutzte. Die Frau legte Adelie auf das Förderband. Niemand schien das ungewöhnlich zu finden. Die Kassiererin griff nach der zappelnden Pinguinin und zog sie über den Scanner. Nichts passierte. Noch einmal. Nichts. Sie drehte und drückte und schob Adelie in unterschiedlichen Positionen an das rote Licht. Doch es blieb still.
AnnikaAdelie3„Da ist kein Preis drauf“, sagte die Kassiererin mürrisch. Sie hatte sich noch nicht einmal richtig angesehen, was sie da in der Hand hielt. „Frau Schröder“, rief sie zur anderen Kasse hinüber. „Weißt du, was die Pinguine kosten?“
„Fünf neunundneunzig“, rief die Kollegin zurück. Die Kassiererin tippte ein paar Zahlen in die Kasse ein und warf die Pinguinin dann zu den anderen Sachen, die schon gepiepst hatten. Adelie rappelte sich auf und sah sich neugierig um. Die alte Frau bezahlte, während Mama ihre Sachen auf das Band stapelte.
„Packst du die Sachen gleich in die Tasche?“, fragte sie Annika.
„Ja“, antwortete die und flitzte an der Kasse vorbei. Die alte Frau räumte ihre Lebensmittel in den Einkaufstrolley. Das schien für sie sehr anstrengend zu sein. Annika hibbelte hin und her, dann dauerte ihr das alles zu lange. Sie half der Frau. Die strahlte Annika an, bedankte sich, und als die Tasche voll war, griff sie nach Adelie.
„Hier, für dich“, sagte sie und hielt Annika die Pinguinin hin. „Weil du mir geholfen hast.“ Annika nahm Adelie verdutzt entgegen, wobei sie „Dankeschön“ murmelte. Die alte Frau zwinkerte ihr zu, griff nach dem Trolley und verschwand durch die Schiebetür auf der Straße.
„Annika! Du wolltest doch die Tüten einräumen“, ermahnte sie ihre Mutter. „Wir haben nicht ewig Zeit.“ In diesem Moment fiel Annika siedendheiß die Schokolade wieder ein. Mist, es war zu spät! Zumindest hatte sie Adelie wieder gefunden. Und auch die wirkte glücklich, weil sie wieder bei ihrer neuen Freundin war. Schnell stopfte Annika die Pinguinin in ihren kleinen Rucksack.

© Text: Stephan Martin Meyer, Köln
© Illustrationen: Dorothea Tust, Köln
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