Die verborgene Kammer

Diese Geschichte war verrückt. Völlig wahnsinnig. Sophie schüttelte den Kopf und lachte ihren kleinen Bruder aus. Oskar ballte seine Fäuste und wandte sich ab.
– Ich werde dir beweisen, dass ich recht habe, murmelte er, als er auf die Schule zu ging.
Das Gebäude war verdammt alt. Ein Lehrer hatte ihnen erzählt, dass es irgendwann im 17. Jahrhundert gebaut worden war und seitdem eine Schule beherbergte. Lange Zeit waren nur Jungen zugelassen, erst seit fünfzig Jahren wurden hier auch Mädchen unterrichtet. Von außen sah es aus wie eine alte Burg, eine Festung, in die kein Unbefugter eindringen sollte. Die Mauern erhoben sich zwei Etagen in die Höhe, ein Bogengang mit massiven Säulen stellte den Eingangsbereich dar. Und auch im Inneren war der Geist der Vergangenheit zu spüren. Aber dass es hier Geheimgänge und versteckte Zimmer geben sollte – das konnte nur auf der allzu regen Fantasie ihres Bruders fußen. Sie waren hier ja nicht in Hogwarts oder in einem anderen durchgeknallten Zauberschloss. Die Treppen hatten sich zumindest in den Jahren, die Sophie hier täglich ein und aus ging, nie verändert. Sie grinste. Was reimte sich dieser Knirps da schon wieder zusammen?
Sie trabte dennoch hinter ihm her.
– Oskar, warte doch mal.
Mit zu schmalen Schlitzen zusammengezogenen Augen blickte er seiner Schwester entgegen.
– Wie kommst du denn darauf?
Er biss auf seine Unterlippe und schien zu überlegen, ob er Sophie ins Vertrauen ziehen sollte.
– Du glaubst mir ja doch nicht.
– Das weißt du ja gar nicht. Sie strich ihm liebevoll über den Kopf und sog den leicht strengen Geruch ein, den ihr Bruder wie immer ausströmte. Ihre Mutter hatte den Kampf um das abendliche Bad vor Langem aufgegeben. Sie selbst mochte den Duft nach Kakao und alten Büchern, der von ihm ausging. Schließlich waren das seine liebsten Freunde. Bücher und Kakao. Kakao und Bücher.
– Du glaubst ja auch nicht, dass ich einen Freund habe.
– Du hast noch nie Freunde gehabt. Was sollte sich daran ändern?
– Siehste! Er wandte sich wieder um.
– Ok, meinte Sophie und hielt ihn an der Jacke fest. Du hast also einen Freund. Wer ist das denn?
– Karl. Aus meiner Klasse.
– Der arabische Junge, der so schlimm stottert und mir neulich nicht sagen wollte, wo er wohnt?
– Karl ist nicht arabisch. Seine Eltern waren Syrer.
– ´Waren?´, wunderte sich Sophie. Was ist denn mit denen?
– Die sind weg. Sagt er. Karl lebt im Heim.
– ´Karl´ ist aber kein syrischer Name.
– Woher weißt du das? Du kennst doch gar keine syrischen Namen.
– Das klingt einfach nicht syrisch. Sie blickte ihren Bruder nachdenklich an. Und wo ist dein Freund Karl jetzt?
– Du glaubst es mir immer noch nicht.
– Du lenkst ab.
– Er ist weg.
– Wie ´weg´?
– Na, weg weg. Ich war gestern mit ihm in der Schulbibliothek verabredet. Er wollte mir das Buch zeigen. Aber er ist nicht aufgetaucht.
– Welches Buch?
– Na, das, von dem ich dir vorhin erzählt habe.
– Die Schulchronik, in der steht, dass es geheime Räume in der Schule gibt?
– Genau die.
– Vielleicht hat er vergessen, dass ihr verabredet wart.
– Er ist heute Morgen nicht in die Schule gekommen.
– Ist er krank?
– Ein Polizist war da. Er hat uns nach Karl gefragt.
– Heißt der arabische Junge wirklich Karl?
– Willst du gar nicht wissen, was der Polizist gesagt hat?
– Doch, na klar.
– Karl ist nicht nach Hause gekommen. Den ganzen Nachmittag nicht. Auch nicht abends und in der Nacht. Er ist weg.
– Weg weg?
– Jep.
Sophie stand mit ihrem kleinen Bruder vor der altehrwürdigen Schule. Die große Pause war seit zehn Minuten vorbei. Sie hätte längst im Unterricht sein sollen. Und Oskar auch. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass gerade etwas Wichtiges passierte. Was war, wenn Oskar recht hatte? Wenn es einen Zusammenhang zwischen der Schulchronik und Karls Verschwinden gab? Dann musste sie zur Polizei gehen. Das war klar. Aber sie konnte schlecht mit einem Oberhauptkommissar sprechen, wenn sie keine genauen Anhaltspunkte hatte.
– Lass uns in die Bibliothek gehen und du zeigst mir das Buch.
– Ich weiß aber nicht, wo es ist. Karl wollte mir ja erst sagen, wo es ist. Aber dann war er weg.
– Ja ich weiß. Weg weg. Sophie überlegte, was sie jetzt tun sollte. Am vernünftigsten war es wohl, einfach in den Unterricht zu gehen und die ganze Sache zu vergessen.
– Du denkst bestimmt, dass es besser wäre, in den Unterricht zu gehen und die ganze Sache zu vergessen, meinte Oskar.
– Ach Quatsch!
Manchmal war ihr Oskar unheimlich. Vor allem, wenn er genau erriet, was sie gerade dachte. Erst vor einer Woche hatte er sie dabei erwischt, wie sie sich Gedanken darüber machte, wie sie Lars fragen sollte, ob er bei der Klassenfahrt in zwei Wochen neben ihr im Bus sitzen wolle.
– Und jetzt?, fragte der Kleine.
– Du erzählst erst mal keinem davon. Ok?
– Bist du bescheuert? Wenn ich irgendwem davon erzähle, dann halten die mich ja für schwachsinnig.
– Mir hast du das doch auch erzählt.
– Du bist meine Schwester. Du bist älter als ich. Du musst auf mich aufpassen. Das hat Mama gesagt. Außerdem hast du nichts davon, wenn die Leute denken, ich bin bescheuert. Denn dann denken die bestimmt, das liegt in der Familie und du bist auch bekloppt.
Sophie atmete tief durch. Dieser Kerl mit seiner schlagenden Logik brachte sie irgendwann einmal um den Verstand. Gleichzeitig hatte er recht: Ihre Freunde fragten sie schon oft genug, wie sie es mit einem irren Bruder aushielt. Da sollte sie lieber kein Öl ins Feuer gießen.
– Ich überlege mir was. Und wir sprechen später darüber.
– Glaubst du mir?
Sophie schwieg. Sie wollte Oskar so gerne glauben. Aber sie konnte es nicht. Sie wich dem Blick ihres kleinen Bruders aus. Der zuckte mit den Schultern, wandte sich um und ging ins Schulgebäude hinein.
– Du glaubst mir nicht, murmelte er. Das habe ich mir gedacht. Die Tür fiel hinter ihm zu.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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