Die Verstoßene

Annika saß sie mit ihren Eltern und Jorgo in diesem kretischen Bus, der sich die gewundene Straße in das Gebirge hinauf quälte. Es war schon jetzt so warm, dass die Klimaanlage des Busses kaum noch gegen die Hitze ankam, obwohl es erst halb neun war.
Jorgo kannte sie aus dem Ferienort und er war genau so alt wie sie: 14. Seine Familie lebte seit Generationen auf Kreta und war in Paleochóra fest verwurzelt. Seine Oma, seine Onkels und Tanten, eine Menge Cousins und Cousinen – fast die gesamte Familie lebte in dem kleinen Ferienort im Südwesten der Mittelmeerinsel.
Als Annika ihm erzählte, dass ihre Eltern unbedingt die Samariá-Schlucht durchwandern wollten, hatte er sich als Begleitung angeboten. Daher fuhren sie nun gemeinsam durch die Olivenhaine und an kleinen Dörfer vorbei bis auf zweitausend Meter Höhe. Dort begann das Naturschutzgebiet, das sich die gesamte Schlucht entlang bis zum Meer erstreckte.
Annika sah aus dem Busfenster. Große, üppig blühenden Oleandersträucher säumten den Weg. Die Landschaft war dennoch karger als an der Küste. Hin und wieder konnte sie einen Blick auf das Meer erhaschen, das zwischen den Bergen aufblitzte. Mit Jorgo würde die Wanderung sicherlich Spaß machen. Eine große Ebene öffnete sich vor ihnen.
Ihr Vater wandte sich zu Annika und Jorgo herum. „Die Omalos-Ebene.“
Der Bus stoppte, die Türen öffneten sich und die Touristen quollen auf den staubigen Parkplatz. Jorgo stand auf, zog Annika an der Hand hinter sich her. Die Luft war hier oben erstaunlich kühl, obwohl die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab schien. Schroffe Bergspitzen erhoben sich vor ihnen, große Kiefern spendeten Schatten und ein angenehmer Wind zerzauste Annikas Haar. Sie sog die frische Luft in ihre Lungen ein und lächelte.
Nach einer Weile begannen die vier den Abstieg vom Hochplateau. Jorgo und Annika liefen voraus, den anderen Wanderern hinterher. Es gab nur einen Weg. Er war steil und an vielen Stellen rutschig. Sie staunte über die dichten Wälder und die sonnenbeschienenen Berge um sie herum. Als sie an einer der vielen Quellen eine Rast einlegten, um die Wasserflaschen mit dem kalten Wasser aufzufüllen und sich die Arme und Gesichter zu benetzen, sah Annika eine schwarze Gestalt hinter einem Baum.
„Jorgo! Da steht jemand.“ Sie zeigte in den Wald.
„Wo?“, fragte Jorgo. „Ich sehe nichts.“
„Da, hinter der großen Fichte.“ Die Gestalt war verschwunden. Annika rieb sich die Augen. Jorgo lachte.
„Fängst du jetzt an zu phantasieren?“ Er zwickte sie in die Seite.
„Ich bin mir sicher, dass da jemand war.“
„Du hast bloß zu viele Geschichten gelesen.“ Er erhob sich und verstaute seine Flasche im Rucksack. „Lass uns weitergehen. Deine Eltern kommen da vorne schon um die Ecke gekeucht.“ Er lachte wieder. Annika stand auf, blickte noch einmal in den Wald und schüttelte den Kopf.
„Da war ein Mädchen …“ Sie traten aus dem kühlen Schatten der Bäume in die Sonne hinaus.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


Zurück zur Übersichtsseite für Jugendtexte: Klick