Kaltes Gift

Nur ein leises Flüstern drang aus der Scheune, die so unscheinbar und halb verfallen an dem Feldweg stand. Es war dunkel geworden, die wenigen Bäume, die hier standen, warfen ihre langen Schatten über die üppigen Felder. Der Mais brauchte noch ein paar Monate, bis er geerntet werden konnte, die kleinen Kolben konnte man aber schon gut erkennen.

In der Scheune war es düster. Man musste sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bis sich die schemenhaften Umrisse in konkrete Gegenstände verwandelten. Eine alte Egge lag rechts auf dem Boden, der Volvo, der schon seit fünf Jahren nicht mehr fuhr, war an der linken Seite unter einer Plane versteckt, an den Holzwänden hingen Spaten, Sägen, Seile und allerlei andere landwirtschaftliche Dinge, die auf dem modernen Hof nur noch selten benötigt wurden. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm, Stroh bedeckte ihn fast völlig. Durch die Ritzen zwischen den Holzlatten fiel in schmalen Streifen das rötliche Licht der untergehenden Sonne von links hinein, wurde zum Teil von dem Auto geschluckt, Millionen Staubpartikel tanzten in der Luft. Ein Heuhaufen bildete die Rückwand der Scheune, er erhob sich bis in etwa vier Meter Höhe, darüber kam nur noch der Giebel des alten Gebäudes. Zwei Gestalten konnte man undeutlich erkennen, sie standen eng beieinander, nein, sie lagen fast auf dem Heu. Es waren offensichtlich eine Frau und ein Mann. Der Mann hatte dem Scheunentor den Rücken zugewandt, bekam nicht mit, dass sich die Tür lautlos eine Spalt weit geöffnet hatte. Jemand war hinein getreten. Die Frau schien sich gegen den Mann zu wehren, er bedrängte sie mit leisen Worten. Sie entgegnete etwas, aber es war zu leise, um es zu verstehen. Nur einmal konnte man etwas genaueres hören: „Nein, lass das!“ Der Mann lachte leise, war ansonsten unbeeindruckt. Er hörte die Schritte hinter sich nicht. Er bekam auch nicht mit, dass ein Spaten vom Haken an der Wand genommen wurde. Auch die Frau brauchte eine Weile, bis sie die Gestalt entdeckte. Sie war so sehr damit beschäftigt, den Mann von sich fern zu halten, dass sie erst etwas bemerkte, als es fast zu spät war. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie wollte schreien, aber kein Laut drang aus ihrer Kehle. Schon schnellte der Spaten in einem weiten Bogen hinab. Er traf den Kopf des Mannes rechts oben mit einem blechernen Krachen. Jetzt schrie die Frau. Der Mann sackte in sich zusammen. Seine Jacke lag neben ihm, er hatte sie erst vor ein paar Minuten ausgezogen. Blut drang aus einer offenen Wunde an seinem Schädel. Er regte sich nicht. Hinter ihm stand eine Gestalt im schwächer werdenden Licht. Sie hielt der Frau mit flehendem Blick den Mund zu, nahm sie an der Hand, zerrte sie über den am Boden liegenden Körper zur Tür und floh.

Das Blut sickerte noch eine Weile in den Lehmboden, bis es gerann. Eisige Stille legte sich über die Scheune. Die Sonne ging unter. Der Sommer hatte sich beinahe unbemerkt eingeschlichen. Es war die längste Nacht des Jahres. Von nun an wurde es jeden Tag ein bisschen mehr Winter. Der stechende Geruch einer Säure zog durch die Ritzen des Schuppens.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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