Prinzessin Erdbert

IMG_0028Prinzessin Erdbert ist glücklich. Sehr glücklich. Sie hat Geburtstag und von einer riesigen Party im Schlosspark geträumt. Klar, dass sie sich darauf freut. Sie springt aus dem Himmelbett, schlüpft in ihre rosa Pantoffeln, zieht ihr himmelblaues Kleid an und stürmt – ohne sich zu waschen – die Treppe hinab ins Erdgeschoss.
„Ich habe Geburtstag“, ruft sie laut. Niemand antwortet. Verwundert bleibt die Prinzessin am Fuß der Treppe stehen. Sie versucht es erneut: „Ich habe Geburtstag und ich will feiern!“
In der Ecke neben der Treppe bewegt sich etwas. Da liegt jemand auf dem Sofa. Die Prinzessin kneift die Augen zusammen, weil sie ihre Brille verloren hat. Sie sieht ein braunes Knäuel, das sich auseinanderrollt. Dann erkennt sie ihren zweitbesten Freund Öwwes. Was macht der denn da? Hat der etwa hier übernachtet, ohne die Prinzessin zu fragen?
Sie springt auf ihn zu und stupst ihn aufgeregt an. „Ich habe Geburtstag und wir machen heute eine Party!“
„Ohhh, nicht so laut“, stöhnt Öwwes. „Ich bin ein Bär und keine Taube.“ Er rappelt sich auf, streicht sein struppiges Fell glatt und klettert vom Sofa.
Die Küchentür geht auf. Ein eierförmiger Kopf schiebt sich 23 Zentimeter über dem Boden in den Türspalt. Auf ihm thront eine Melone – das ist ein runder englischer Hut, den man nicht essen kann. Eine Sonnenbrille verbirgt die Augen. Der Körper steckt in einem verschlissenen Anzug.
„Wir feiern heute meinen Geburtstag“, freut sich Prinzessin Erdbert, als sie ihren allerbesten Freund Prinz Birni bemerkt.
„Du hast doch erst letzte Woche gefeiert …“
„Ich bin eine Prinzessin und deshalb habe ich so oft Geburtstag, wie ich will.“
„Und wen willst du einladen?“, erkundigt sich Prinz Birni.
„Alle meine Freunde!“ Sie blickt zwischen Öwwes und Prinz Birni hin und her.
„Ich geh erst mal nach Hause“, sagt der Bär. Er kratzt sich hinter dem Ohr.
„Vielleicht solltest du mal eine Woche Pause machen mit dem Geburtstagfeiern“, meint Prinz Birni vorsichtig.
Oh, da wird die Prinzessin wütend. Sehr wütend. So etwas darf man nicht zu Prinzessin Erdbert sagen. Mit einem großen Satz ist sie an der Küchentür. Die fällt aber bereits hinter Prinz Birni ins Schloss. Die Prinzessin rüttelt an der Türklinke. Abgeschlossen. Nichts zu machen. Also dreht sie sich um und verhindert gerade noch, dass Öwwes durch die Haustür verschwindet. Sie jagt ihn einmal im Kreis durch die Eingangshalle, bis sich der Bär unter dem Sofa verkriecht.
„Komm sofort raus. Du bist umzingelt. Eine Flucht ist unmöglich.“ Sie springt auf das Sofa und hüpft zwischen den Kissen auf und ab.
IMG_0030Öwwes liegt auf dem kalten Fußboden und zählt die Sprünge. Er kommt bis acht, dann hört das Gehopse auf. Er pustet in den Staub, der in großen Flocken vor seiner Nase liegt, niest und überlegt, wie lange er wohl hier liegen muss, bis sich Prinzessin Erdbert beruhigt hat. Er kriecht ein wenig über den kalten Fußboden, schnuppert, streckt die Nase unter dem Sofa hervor – und blickt Prinzessin Erdbert direkt in die Augen.
„Wir feiern meinen Geburtstag. Basta!“, sagt sie. Sie packt Öwwes an der Nase und zieht ihn unter dem Sofa hervor. Sein Fell ist voller Staubflocken. „Und du feierst mit.“
„Aua“, murmelt Öwwes und reibt sich die Nase. Prinzessin Erdbert schiebt ihn vor sich her, an den Bildern ihrer Ahnen vorbei, bis zur Küchentür.
„Mach auf, oder ich werde teufelsfuchswütendwild“, ruft die Prinzessin durch das Schlüsselloch. Augenblicklich dreht sich der Schlüssel im Schloss, die Klinke senkt sich und die Tür geht auf. Prinzessin Erdbert marschiert in die Küche. Herdplatten, ein großer Holztisch in der Mitte des Raums, Töpfe in den Regalen, Pfannen an der Wand. Prinz Birni steht auf einem Hocker, damit er größer wirkt. Aber davon lässt sich die Prinzessin nicht beeindrucken.
„Du kochst Pudding!“, befiehlt sie ihm. Prinz Birni nickt. Er kocht für sein Leben gerne Pudding. Schokoladenpudding, Vanillepudding, Stachelbeer-Pflaumen-Apfel-Pudding, Grießpudding mit Himbeersoße und am liebsten natürlich Mandelpudding mit heißer Schokoladensoße. Immer wenn er traurig ist, geht er in die Küche und macht einen Pudding. Das hilft. Er kocht auch Pudding, wenn er glücklich ist, sich ärgert oder Bauchweh hat. Puddingkochen hilft Prinz Birni sofort. Das blöde ist nur: Er mag selbst gar keinen Pudding. Den muss dann jemand anderes essen.
Prinzessin Erdbert marschiert auf die nächste Tür zu und betritt die Bibliothek. Mindestens fünfhunderttausend Bücher stehen hier. Da ist sich die Prinzessin sicher. Gezählt hat sie sie natürlich nie, denn sie kann gar nicht zählen. Sie zieht ein Exemplar aus dem Regal, blättert durch die Seiten und schaut sich die Bilder an. Weil sie auch kaum lesen kann, stellt sie es wieder zurück. Ein schlauer Wissenschaftler müsste hier leben, der die ganzen Geschichten liest. Ist aber keiner da. Nur eine getoastete Scheibe Toastbrot liegt auf dem kleinen Tisch neben uralten Büchern. Das Brot sollte die Prinzessin eigentlich mal wegwerfen. Tut sie aber nicht, weil es ihr schwerfällt, etwas wegzuwerfen.
Durch die Tür am Ende der Bibliothek gelangt die Prinzessin in den Tanzsaal. Tolle Feste könnte sie hier feiern. Insbesondere Geburtstage. Mit vielen Freunden. Wenn denn mehr Freunde da wären. Sind sie aber nicht. Der Fußboden eignet sich herrlich zum Tanzen. Sogar ein altes Grammofon steht in der Ecke. Lange Gardinen wehen im Luftzug. Prinzessin Erdbert versucht ein paar Tanzschritte. Aber allein macht das keinen Spaß.
Von dem Tanzsaal gelangt sie wieder in die Eingangshalle. Ein wundervoller Rundweg ist das, den Prinzessin Erdbert da durch ihr Schloss läuft. Über die breite Treppe könnte sie jetzt nach oben in die erste Etage rennen. Aber da ist sie heute ja schon gewesen. Darüber befindet sich der Dachboden, vollgestopft mit verstaubten Möbeln und Kisten. Irgendwann will die Prinzessin da oben mal aufräumen. Aber nicht jetzt, nicht heute, nicht an ihrem Geburtstag.
Nachdenklich steht sie vor der schmalen Tür, die in den Keller führt. Dort unten war sie noch nie. Die Ahnen ihrer Familie leben dort. Oder besser: Sie toten dort, denn sie leben ja längst nicht mehr. Auch ihre Urgroßtante, von der sie das Schloss geerbt hat. Und die sie vor dem Keller gewarnt hat. Denn da unten soll es spuken. Ganz bestimmt. Prinzessin Erdbert gruselt sich ein bisschen vor den toten Verwandten. Also ist die Kellertür abgeschlossen.
„So geht das nicht weiter. Irgendjemand muss doch mit mir Geburtstag feiern.“
Entschlossen betritt Prinzessin Erdbert wieder die Küche. Prinz Birni und Öwwes sehen sie erwartungsvoll an.
„Wir brauchen Mitbewohner“, entscheidet die Prinzessin.
Prinz Birni wackelt mit dem Kopf. „Woher sollen die denn kommen?“
„Du kannst doch schreiben, oder?“
„Ich kann nur lesen …“
„Und du?“, fragt sie Öwwes.
„Na klar.“
„Dann stellen wir ein Schild auf.“
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Gesagt – getan. Prinzessin Erdbert holt sich eine Pappe und einen Besenstiel. Die Pappe klebt sie auf den Besenstiel. Dann drückt sie Öwwes einen Pinsel in die Hand und öffnet den Topf mit roter Farbe.
„Was soll ich schreiben?“, will der Bär wissen.
„Schreib: ´Auf Schloss Uruguay ist noch Platz für einen Mitbewohner. Wir nehmen auch Pferde und Musiker.´“
Öwwes klemmt sich die Zunge zwischen die Zähne und schreibt. Nach fünf Minuten ist das Schild fertig. Zufrieden blickt er auf das Ergebnis. Prinzessin Erdbert nickt, wenngleich sie nicht lesen kann, was Öwwes geschrieben hat, nimmt das Schild und stapft damit nach draußen. Vor dem alten schmiedeeisernen Tor zum Schlosspark rammt sie den Besenstiel mit Schmackes in den Boden. Sie stemmt die Hände in die Hüften, legt den Kopf schief und lacht.
© Text: Stephan Martin Meyer, Köln 2015
© Illustration: Thorwald Spangenberg, Köln 2015
Exposé und weitere Texte auf Anfrage


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